Quinquennale Analoge Stadt
Leben in die Provinz!

Ein Projekt für Arnstadt und die Europäische Stadt 2019 / 24 / 29 ff

„Nur der Stadtbürger ist Staatsbürger“
Alexander Mitscherlich / Die Unwirtlichkeit unserer Städte


Gliederung:

Die Idee:
Die Leerstände der Stadt als Bühne eines internationalen Dialogs zwischen Kunst, städtischem Raum, Bürgern und Besuchern
Das Problem:
Viele Kleinstädte stagnieren – warum?
Der Musterfall:
Arnstadt in Thüringen
Die Perspektive:
Soft gentrification als (Teil von) Wirtschaftspolitik
Das Projekt:
Die Analoge Stadt – Kristallisationskeim für eine lebendige Stadt

Quinquennale Analoge Stadt
Leben in die Provinz!
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Bauhaus des Volkes /
Das „Haus des Volkes“ des Franz Itting (1875-1967)

Oben: streng rechter Winkel vom Stuhl bis in die Stahlbeton-Unterzüge sowie Vollverglasung: betonte Funktionalität im Restaurant des "Haus des Volkes"

Auf der niedrigsten Nord-Süd-Durchquerung des Thüringer Waldes, an der Grenze zu Franken, liegt Probstzella. Wie eine herrschaftliche Festung überragt ein ungewöhnliches Gebäude den kleinen Ort: das „Haus des Volkes“, errichtet und ausgestattet von den Bauhäuslern Alfred und Gertrud Arndt 1927.
Wie im Falle des Faguswerkes des Carl Benscheidt in Alfeld an der Leine verdanken wir dieses Zeugnis vom Aufbruch in die Moderne einem sozial und fortschrittlich eingestellten Unternehmer.

Bauhaus des Volkes /
Das „Haus des Volkes“ des Franz Itting (1875-1967)
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Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit

Das Fagus-Werk von Carl Benscheidt (1858–1947), Walter Gropius (1883-1969) und Adolf Meyer (1881-1929) im niedersächsischen Alfeld / Leine.

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Irgendwann zwischen 1908, als Arnold Schönberg mit seinem Zweiten Streichquartett Opus 10 dem Wiener Publikum das grandiose Vergnügen eines veritablen Skandals bereitete, und 1913, als Wladimir Malewitsch in St. Petersburg sein erstes Schwarzes Quadrat malte, muss er stattgefunden haben: der Urknall der Moderne. Unter Kaisern und Königen und deutlich noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Bahnwaage

Zwischen diesen beiden Terminen, im Jahre 1911, beauftragte der ehrgeizige Unternehmer Carl Benscheidt den jungen Architekten Walter Gropius, ihm auf der grünen Wiese an der Bahnstrecke von Hannover nach Bebra eine moderne Fabrikanlage für die Produktion von Schuhleisten zu errichten. Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit weiterlesen

Durchlauferhitzer für das Ende des Liberalismus: Donald Trump

Die meisten Menschen verachten gerne. Je tiefer sie auf andere herabblicken können, desto höher fühlen sie sich selbst. Diese Verachtung gegen andere stärkt das eigene Selbstbewusstsein.
Richard Coudenhove-Kalergi, 1935

Irgendwie erinnert mich die Wahl Trumps, wenngleich unter anderen Vorzeichen, an das Jahr 1989, dem Jahr der politischen Wende in Europa: das scheinbar Unmögliche war Realität geworden. Damals war es der freiwillige Abgang der SU, der uns zeigte, wie wenig wir tatsächlich begriffen hatten – über das Innenleben des Warschauer Paktes und eines Sozialismus mit dem seltsam stolzen Attribut „real“. Durchlauferhitzer für das Ende des Liberalismus: Donald Trump weiterlesen

Thüringen in der Selbstbewußtseinsfalle – reloaded

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Entdeckt in brand eins, November 2016

„Wenn du nicht brav bist, kommst Du ins Bauhaus!“– mit solchen Sprüchen drohten in den frühen 20er Jahren Weimarer Bürger Ihren Kindern. Das Bauhaus wurde zwar 1919 in Weimar gegründet, aber dem konservativen Weimar waren die avantgardistischen Ideen und der Lebenswandel der Bauhäusler stets suspekt. Fünf Jahre dauerte es, bis die Stadt Gropius und seine Schule den Geldhahn endgültig zugedreht und sie aus der Stadt geekelt hatte.

Richtig ist dennoch, dass man in Thüringen die Geschichte der ersten fünf Jahre des Bauhauses erleben kann, und mit ihm auch die Geschichte des Aufbruchs in die Moderne, in Weimar, Jena, Erfurt – oder auch Arnstadt. Und es ist auch richtig, für Thüringen damit zu werben.

Nichts geht in Thüringen ohne „New York City“

Aber es ist unglücklich, dass es dies stets auf eine Art und Weise versucht (wie schon bei den anderen Kampagnen-Motiven mit Eva Padberg, der Brooklyn Bridge oder einem Mercedes-Benz), die nicht mit den tatsächlichen Stärken dieses Landes wirbt, sondern damit, wiesehr vom Glanz anderer Länder und Städte (nun zum zweiten Mal New York) auch auf Thüringen etwas abfalle. Als würde die Lampe Wilhelm Wagenfelds erst dadurch zur Ikone – die sie zweifelsohne ist – , dass sie vor der Skyline von New York steht!

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Das Kampagnen-Motiv „Lampe vor Skyline“ ist letztlich peinlich, da sie sich nicht traut, selbstbewusst in den Fokus zu stellen, was in Thüringen tatsächlich zu erleben ist – an Wirtschaftskraft, Ingenieursgeist, an Kultur- und Baugeschichte. Sie ist deswegen auch kontraproduktiv, da jeder Leser natürlich sofort den Minderwertigkeitskomplex hinter diesem verkrampften Eigenlob spürt. Erst recht die Leser des Wirtschaftsmagazins brand eins.

Ein ausführlicher Artikel zu Kampagne des Thüringer Wirtschaftsministerium findet sich hier:

Das ist Thüringen – in der Selbstbewußtseinsfalle

 

ein tag im zeichen der klassischen moderne /
milchhof arnstadt, 29. Juni 2016 / rückblick

Eine Veranstaltung in einem verfallenden Denkmal, gemeinsam getragen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und den Eigentümern – so lautete das experimentelle Konzept unter dem Motto bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne.
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Drei Objekte des Modernen Bauens, alle auf unterschiedlicher Weise in prekärem Zustand, waren Thema des Tages: der Wartburg-Pavillion von Günther Wehrmann in Eisenach, der Garagenbau von Alfred Arndt in Probstzella und der Milchhof Arnstadt von Martin Schwarz, das am meisten bedrohte Gebäude – und Gastgeber des Kolloquiums. Die zweite Hälfte des Tages war geprägt vom Thema bauhaus 2019 – und wie der Funktionalismus der Moderne gerade in städtebaulicher Sicht immer wieder dieselben Irrwege beschreitet. ein tag im zeichen der klassischen moderne /
milchhof arnstadt, 29. Juni 2016 / rückblick
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bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne /
milchhof arnstadt, 29. juni 2016

Im Uhrzeigersinn von links oben: Ausstellungspavillon der Wartburg-Automobilwerke (Eisenach) von Günther Wehrmann (Foto: Archiv Horst Ihling), Garagenbau zum Haus des Volkes (Probstzella) von Alfred Arndt, Milchhof Arnstadt von Martin Schwarz (Fotos unbekannt).

Gemeinsam war Architekten, Planern und Künstlern im Staatlichen Bauhaus in Weimar und seinem Wirkungsfeld der gezielte Bruch mit den gestalterischen und sozialen Konventionen der in den grausamen Schlachten des Ersten Weltkrieges untergegangenen Welt.  Alle Tradition wurde in Frage gestellt, alles Gestalten auf Null gesetzt. Die Zeit der genossenschaftlichen Bewegungen im Wohnen, in der Produktion, im Gewerbe und in den Künsten begann. Die Gründung des Bauhauses 1919 in Weimar fokusierte und beschleunigte in einmaliger Art und Weise und international das, was wir heute Moderne nennen. bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne /
milchhof arnstadt, 29. juni 2016
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From London with Love

Kein Mensch hat hier von Thüringen gehört?
Das ließe sich ändern, denn verrückt auf Bach sind sie alle!

Aus London erreicht uns eine Anregung, die uns ganz aus der Seele spricht – und uns zu einer kleinen Fotomontage animiert hat:

„Hier in London hat kein Mensch je von Thüringen gehört! Wir waren in Arnstadt bei den Bachwochen und in Erfurt zu den Domstufenfestspielen – das war Weltklasse! Internationale Gäste habe ich aber keine gesehen. Warum nicht in der Londoner-U-Bahn werben oder einen Artikel mit Photos in ‚The Times‘ oder ‚The Guardian‘ veröffentlichen und die Leute einladen? Kommen werden sie garantiert!“

Fünf Gründe für die Platte …

Hinschauen oder wegschauen? Mit jedem abgerissenen Block – hier Leipzig 2007 – wächst die Erkenntnis, dass mehr verschwindet als ein paar Scheiben Beton.

„Seit Anfang der Moderne macht der Architekt erst einmal Tabula rasa, und setzt dann seine neuen Gebäude auf’s Grundstück. Mit diesem falschen Bild im Kopf leben wir noch“  Muck Petzet

… oder warum wir (auch) Plattenbauten nicht mehr abreißen sollten

Der Münchner Architekt Muck Petzet macht vor wenigen Jahren Schlagzeilen, als er auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 im Deutschen Pavillon seine architektonische Trias „Reduce, Reuse, Recycle“ präsentierte. Da wir Architektur teilweise wie ein Müllproblem behandeln, sollten wir die Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit auch auf das Bauen anwenden: Neubauten reduzieren, Altbauten umnutzen, Materialien weiterverwenden (Interview Muck Petzet / Detail / Oktober 2012).

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Chemnitz – auf der Suche nach der verlorenen Urbanität

Eine Leseempfehlung zum Thema Architektur, Städtebau und Stadtentwicklung ist der Artikel von Ulrich Hammerschmidt in der Freien Presse aus Chemnitz:
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/KULTUR/Die-Mauern-muessen-weg-artikel9450828.php.
(Ergänzung 06.03.2017: ARTIKEL LEIDER NICHT MEHR AUFFINDBAR!)

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Das Museum Gunzenhauser in Chemnitz verfügt über eine umfangreiche Sammlung der Klassischen Moderne – hier: Serge Poliakoff und Willi Baumeister (hinten) – und über eine passende Heimstadt: ein mit viel Respekt saniertes und umgebautes ehemaliges Sparkassengebäude von Fred Otto aus dem Jahre 1928.

Hammerschmidt schreibt über urbane Mauern, die die Verkehrsplanung der sechziger und siebziger Jahre errichtet hat und die moderne Architektur jetzt wieder errichtet, und notiert einige andere sehr richtige Beobachtungen, bezugnehmend auf den Architekten Alvar Aalto und den Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm.

Lustigerweise war ich erst wenige Monate zuvor in Chemnitz und lief genau die Straßenzüge und Gebäude ab, die Hammerschmidt hier beschreibt. Das brachte mich auf die Idee, jeweils ein Zitat mit meinen Chemnitzer Fotos zu kombinieren: Chemnitz – auf der Suche nach der verlorenen Urbanität weiterlesen

Das ist Thüringen – in der Selbstbewußtseinsfalle

Thühühüringen – David Bowie ist auch schon mal drüber geflogen!

Rainald Grebe auf youtube / 2004 

Es war 2005, wir hatten soeben erst die Thüringer Residenzstädte und Kulturlandschaften entdeckt und nach langer Suche unseren Lebensmittelpunkt in deren Mitte nach Arnstadt verlegt, als wir in einer Zeitung ein Interview mit einem Repräsentanten der Stadt Erfurt lasen, der den Satz sagte:

Die Stadt Erfurt hat ein Wahrnehmungsproblem. Das ist Thüringen – in der Selbstbewußtseinsfalle weiterlesen