Ibiza – die afrikanische Schwester
von Judith Rüber

Kommt man mit dem Flieger nach Ibiza, so sieht man zuerst die ausgedehnten geometrischen Becken der Salinen, umgeben von Feldern mit roter Erde, einigen Palmen und flachen, weißen kubischen Häusern. Wäre ein Seeadler vor 2700 Jahren auf der Insel gelandet, es hätte sich ihm ein ähnliches Bild geboten.

Es waren die Phönizier, aus der Levante kommend, die hier um 800 vor Christus die ersten größeren Siedlungen gründeten und die Salzgewinnung kultivierten. Im Laufe der Jahrtausende waren sie alle da, die Herren des Mittelmeers, die Phönizier, Griechen, Römer, Mauren und Spanier. Die Griechen nannten die Inselgruppe um das heutige Ibiza und Formentera– ohne Mallorca und Menorca – Pityusen, nach der griechischen Bezeichnung für die Libanon-Zeder. So heisst sie noch heute.

Ibiza_07Die Insel selbst nannten die Phöenizer Ibes bzw. Ebusim, die Römer Ebesus, die Mauren Yabisa, die trockene Insel. Zuletzt verwandelte sich das spanische Ibiza des 20. Jahrhunders wieder in das katalanische Eivissa.

In La Palma auf Mallorca zeigt die emporstrebende gotische Fassade der Kathedrale seit dem 13. Jahrhundert die Zugehörigkeit zu Europa. Letzte Zweifel räumt das auf Mallorca allgegenwärtige Satteldach aus.

Anders Ibiza. In Dalt Vila, der Altstadt der Hauptstadt, bestimmen verwinkelt übereinander gebaute, kleinere und größere, weiße oder lehmfarbene kubische Bauten mit Flachdach das Bild. Casablanca oder Algier lassen grüßen. Das gilt auch für die Palmen und die die verwinkelte Topografie.

Ibiza_06Nicht, daß die Spanier nicht versucht hätten, der Insel ihren Stempel aufzudrücken: Als sie die Insel von den Mauren eroberten, wurden alle alten Ortsnamen getilgt und durch Namen katholischer Heiliger ersetzt. Doch hinter Santa Agnès des Corona oder Sant Mateu verbergen sich bis heute archaische Siedlungen aus kubische Häusern mit spärlichen Öffnungen, teils steinsichtig, teils weiß gekalkt. Auch die kleinen Kirchen setzen sich aus Würfeln zusammen. Paul Klee und August Macke inspirierte in Tunis ähnliche Architektur. Andere wie Adolf Loos verfielen auf den Kykladen dem Würfel. Im Winter 1932 besucht Le Corbusier Ibiza, beschreibt die Architektur der Bauernhäuser als „seltsam und rein“ und stellt diese Architektur in der Folge der Fachwelt vor.

Der Dadaist Raoul Hausmann (1886–1971), der 1933 vor den Nazis nach Ibiza floh, nannte das Leben in den seit Jahrtausenden tradierten ibizenkischen Bauernhäusern das „Existenzmaximum“. Ibiza wurde Exil und Heimat einer europäischen Künstler-Avandgarde. Sie lebten hier, weit weg von Madrid, vom Franco-Regime weitgehend unbehelligt.Ibiza_04

Auch der in München geborene Architekt und Maler Erwin Broner (1898–1971) ist auf der Flucht vor Hitlers Deutschland, als er 1934 zum ersten Mal nach Ibiza kommt. Sein Lebenswerk ist stark von der ibizenkischen Bauweise inspiriert.

1959 läßt sich Broner auf der Insel nieder und gründet zusammen mit anderen Künstlern, darunter Erwin Bechtold, die Gruppe Ibiza59. Die Gruppe organisierte international beachtete Ausstellungen u.a. mit Braque, Dubuffet, Ernst und Miró. Der katalanische Architekt Josep Lluis Sert (1902–1983) schließlich, Nachfolger von Walter Gropius in Harvard, ist wohl der Architekt des 20. Jahrhunderts, der sich am stärkten durch Ibizas Architektur leiten ließ: Sein Werk umfaßt kubische Ikonen auf der ganzen Welt. 1975 schuf er die großartige Fundació Joan Miró in Barcelona.

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Die Casa Broner, Broners selbstentworfenes würfeliges Wohnhaus im Hafenviertel SaPenya, ist heute als Museum zu besichtigen. Der Gruppo59 ist in DaltVila mit dem Museo de Arte Contemporáneo ein Ausstellungsareal gewidmet. Überflüssig zu erwähnen: auch dieser Komplex ein wunderbares Zusammenspiel alter und neuer Kuben.

Ibiza_13Legende:

Ein Fotograf fliegt im Januar 2014 nach Ibiza, läßt seine Kamera zuhause und hat statt derer im Gepäck:

Eine Zeiss Ikon 515/2 Klappkamera von 1939 im Format 6×9 cm, drei mindestens 15 Jahre alte Rollfilme in SW und einen in Farbe, eine Polaroid Vision von 1996 mit vier ebenfalls überlagerten Filmen aus der Tiefkühltruhe, deren Akkus jedoch noch die Kraft haben, die Kamera ins Leben zurückzurufen.

Auf der Insel leiht ihm sein freundlicher Gastgeber noch eine Nikon coolpix 8400 Digitalkamera  von 2004 mit einer 64MB Speicherkarte darin.

Mehr davon unter: www.jankobel.de