Hier will ich wohnen! Die Alte Schokofabrik ist eine Riesenchance für Greußen.

Das Hauptgebäude. Verfallen, aber das Mauerwerk hält noch 100 Jahre. Naturstein-Mauerwerk, in roten Ziegel gefasst. Wunderschöne Metall-Rundbogenfenster

MDR Thüringen vom 29. Dezember 2020: Die ehemalige Schokoladenfabrik soll abgerissen werden, Bürgermeister René Hartnauer (SPD) „zeigt sich erleichtert, endlich gehe es auf der Brachfläche neben dem Bahnhof weiter“. Die Kosten liegen bei zwei Millionen Euro, 200.000 davon muss die Stadt selbst tragen. Den Rest trägt, einmal mehr und absurderweise, irgendein Förderprogramm der Thüringer Abriss-, äh Aufbaubank namens GRW, das dafür eigentlich nicht zugeschnitten ist: 
https://www.aufbaubank.de/Foerderprogramme/Gemeinschaftsaufgabe-GRW

Kleine erhaltenswerte Details wie diesen Erker gibt es immer. Meine Frau will da einziehen!

Der Bestand: Ein 12.000 Quadratmeter großes Gelände mit Gründerzeitarchitektur von unverwüstlicher Mauerwerksqualität, auch wenn die Dächer längst eingestürzt sind. Mehrere Ruinen. Direkt am Bahnhof, sich hofähnlich öffnend zur Stadt, mit reichlich Aussenfläche. Ein Objekt, aus dem sie in Berlin und Hamburg sofort einen kulturellen und wirtschaftlichen Hotspot machen würden, bis die Preussischen Kappen glühen. Hier aber sind wir in Greußen, in Thüringen, in der Provinz nördlich von Erfurt. Da ist das nicht so einfach.

Bahnhof Greußen, direkt gegenüber. 31 Minuten mit der Bahn nach Erfurt Hbf
Eine schöne alte Strasse entlang der Gleise, eine Fussgängerunterführung zum Bahnhof

Andrerseits: Mit der Bahn vom Greußener Bahnhof zum Hauptbahnhof Erfurt dauert es exakt 31 Minuten, weniger als mit der U-Bahn von Charlottenburg nach Neukölln, die Anlagen um den Bahnhof sind von wunderbarer Authentizität, mit viel Grün, einer alten Pflasterstraße und einer Unterführung auf die anderen Seite der Gleise. Erfurt wird immer voller und teurer, hier wächst der Peripherie eine Chance zu, wie überall auf der Welt. Arnstadt, wo ich lebe, ähnlich weit weg von der Landeshauptstadt, profitiert bereits spürbar von diesem Effekt.

Bei diesem Gebäude steht sogar das Dach noch. Hier, nach hinten raus, könnten coole Appartements entstehen.

Warum versuchen so viele Stadtverwaltungen, vor allem im Osten, diese Architekturen abzureissen? Erkennen Sie den Wert solcher Gebäude für die Entwicklung ihrer Stadt nicht? Gibt es für deren Wiederbelebung keine Fördermittel? Natürlich ist eine Wiederbelebung solcher Flächen unter Respektierung des Bestandes nicht ohne staatliche Unterstützung zu finanzieren, bei den Mieteinnahmen, die man hier erzielen kann. Wenn aber zwei Millionen für einen umweltschädlichen und respektlosen Abriss ausgereicht werden können, möchte man doch mindestens das Doppelte erwarten für einen Wiederaufbau!

Wir reden von Nachhaltigkeit, von CO2-Bilanz, von Reduzierung des Flächenverbrauchs und von Nutzung der „Grauen Energie“, aber mit der großzügigen Finanzierung von Abrissen mit ungewissen Folgenutzungen handeln wir dem genau entgegen. Wir meinen, das Land Thüringen ist hier in der Pflicht, die Kommunen zu beraten und zu unterstützen. Die europäischen Mittel wären hier gut angelegt. Denn egal, wie man es wendet, es spricht einfach ALLES gegen einen Abriss.

Hofähnlich öffnet sich das Anwesen zur Stadt. Grünflächen und …
… Parkflächen zum Abwinken.

In diesem Fall sind die Gebäude zwar nicht wiederherstellbar, aber das ist auch ein Vorteil! Denn eine gute Planung würde dort einfach neu bauen, und die vorhandenen, unzerstörbaren Fassaden EINBINDEN in einen modernen Geschossbau, mit Treppenhäusern und Etagen aus Beton, wie man halt so baut heute. Einzig die Fenster würde man wiederherstellen oder nachbauen, sich an den Geschosshöhen orientieren, vielleicht das eine oder andere Fassadenteil reparieren – oder auch nicht. Die Spuren der Geschichte sind schön!

Wichtig ist, dass der Stadt Greußen klar werden sollte, dass sie sich verdammt nochmal ins Knie schießt, wenn sie die Chance, eine moderne Wirtschaftzone mit dem Flair dieser historischen Industriekultur zu kombinieren, selbst zerstört.

Auch die gusseisernen Stützpfelier sind unkaputtbar. Was für eine Galerie könnte das werden!

Das Gebäude stand nie und wird auch nicht mehr unter Denkmalschutz stehen, und das macht es für jeden Investor leichter. Aber es ist eine ganze Menge Stein, Geschichte und Atmosphäre, die darin gebunden ist. Alleine für die 2 Millionen Euro, die der Abriss kostet, käme man schon ein gutes Stück weit, auch wenn die Gesamtkosten ein mehrfaches Betragen dürften. Auch kann ein solche ambitioniertes Bauprojekt, das international die Stadt Greußen in die Medien bringen würde, in mehreren Bauabschnitten angegangen werden. Das empfiehlt sich sowieso, denn wer Zeit hat beim Bauen, baut besser! Mit mehreren Investoren, die sich das Gelände aufteilen, und damit auch die Risiken.

Die zwei Millionen holen wir für Greußen von der Aufbaubank, wenn nicht noch mehr. Aber nicht zum Zerstören, sondern um dort was richtig Cooles zu errichten. Wegweisend für die Thüringer Provinz. Wer ist dabei?

Dr. Jan Kobel

(Wir freuen uns sehr über die vielen Kommentare, aber wir schalten nur frei, wer mit Klarnamen schreibt. Keine anonymen Wortmeldungen bitte)

22 Gedanken zu „Hier will ich wohnen! Die Alte Schokofabrik ist eine Riesenchance für Greußen.“

  1. Nach in Augenscheinnahme kann ich mir sehr gut vorstellen dabei zu sein. Zuletzt habe ich diese Objekte vor ca. 20 Jahren flüchtig gesehen. Es wäre eine Schande dort diese Substanz zu vernichten und seelenlose Alltagsarchitektur mit „Konsumtempeln“ ( mir fällt es schwer das Wort „Tempel“ dafür zu nutzen, aber meine Höflichkeit zwingt mich!), herzustellen. Ich danke für Ihre Initiative und Entdeckung.

  2. Ich will zur Ermutigung ein Beispiel bringen: Der Alte Websaal der seit 1996 insolventen Wurzener Teppichfabrik war seither ein Schandmal der Industriestadt Wurzen. Besonders nach der Neuverlegung der Zufahrt zur Altstadt. Wenn unser Verein, Standortinitiative Wurzen und Wurzener Land e. V. über die Stadtentwicklung stritt, kam bei diesem Thema immer: Da hilft nur Abriss. Nun hat eine Leipziger Firma Entwicklung, Sanierung und Vermarktung in die Hand genommen. Mehr als 40 Wohnungen werden dort, unweit von Altstadt und unweit von der Mulde entstehen. Die Nachfrage ist riesengroß.
    Noch ein Beispiel: die älteste als Gebäude auf dem europäischen Kontinent erhaltene Zuckerfabrik im Wurzener Ortsteil Mühlbach, erbaut 1810/11 ist in neuer Schönheit wieder entstanden. Jetzt wird das Riesengebäude als Scheune gebraucht. Der funktionslose, aber als Landmarke ausstrahlende Schornstein, der mit unserer Unterstützung saniert wurde, weist auf den neuen Rastplatz am Wurzener Landradweg hin. Unweit entfernt Schloss Hubertusburg.
    Ich hoffe auf ähnliche Zukunft fürdie Greussener Mauern!

    1. Vielen Dank Herr Hess für diesen Beitrag. Bitte schreiben Sie das auch auf Facebook, falls Sie von dort aus auf unsere Seite gestoßen sind. Wir freuten uns auch über ein paar Bilder, denn das Projekt ist uns nicht bekannt. Wie lautet die Leipziger Firma, vielleicht kann sie auch hier weiterhelfen?
      JK

  3. Für mich als ehemaligen Greußener, aufgewachsen in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, sind Kindheits- und Jugenderinnerungen immer auch fest verbunden mit der Ruine und dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik. Auch wenn ich mittlerweile seit vielen Jahren in Brandenburg lebe, unterstütze ich das Anliegen und die Bemühungen, dieses Gelände und seine einzigartige Bausubstanz, wo immer es geht, zu erhalten und in ein künftiges Gesamtkonzept zu integrieren, sehr.

  4. Als ich gelesen habe, dass dieses schöne historische Gebäude abgerissen werden soll, war ich entsetzt. Es wurde in der DDR schon soviel an Historie vernichtet, nicht geschätzt und ist unwiederbringlich verloren.
    Das darf hier nicht auch passieren.
    Ich stelle mir die alten Fassaden eingebunden in Neues sehr schön vor und hoffe, dass das umgesetzt werden kann.

    1. Liebe Frau Kaschel, in der DDR sind dieses Architekturen meist erhalten geblieben, weil man sie brauchte. Im Unterschied zur alten BRD, wo der Abrisswahn nach dem Krieg heftig wütete und noch immer wütet. Nur dass in Westdeutschland von solchen Architekturen schon lange nichts mehr steht, was ohne Nutzung ist.

      Nein, der Abriss des industriellen Erbes im Osten begann nach der Wende, und unsere Hoffnung, die Fehler des Westens würden sich nun nicht wiederholen, haben sich als Illusion herausgestellt.

      Die Ideologie der Moderne, das nur schön und brauchbar sei, was neu und glatt ist und ausschaut wie ein Würfel, ist tief in das ästhetische Empfinden der Deutschen eingeschrieben. Hinzu kommt, dass für wenig nachhaltige Abrisse unbegrenzte Euro-Millionen zur Verfügung stehen, für den Erhalt solcher Strukturen aber fast nichts. Nur ausnahmsweise unter Bündelung sämtlicher Akteure.
      Eine Änderung der Fördermittelvergabe ist DRINGENDST erforderlich!

    2. In Greussen wird alles immer abgesperrt,bis es zerfallen ist.
      Kulturhaus
      E -Werk
      Kohlenhof
      Früchtekonservierung am Warthügel
      Kleine Bahnhof
      In naher Zukunft wird auch die
      ehm.Karl Marx Schule mit angrenzender Mehrzweckhalle zerfallen
      Teile der Stadtmauer fallen ein
      U.s.w.
      Es geht aber auch anders
      z.B. Bahnhof
      Günter Mühle
      GASTSTÄTTE “ ZUM PRINZEN
      Turnhalle in der Erfurter Strasse
      Markt mit Rathaus
      GASTSTÄTTE „Zur Quelle „

      1. Falsch. Die ehemalige Grundschule bleibt erhalten. Die Stadt selbst ist da drin und die Tafel. Die Turnhalle wird durch mehrere Vereine genutzt

  5. Die Stadt ist Eigentümer. Ein Sanierungskonzept müsste schnell vorgelegt werden. Mutmaßliche Investoren gab es wohl schon einige. Das Resultat ist der jetzige Zustand. Davor gab es schon von Vielen blumige Gedanken (Atelierwohnungen, Galerie, Künstlerkolonie…)
    Dass das ehemalige Gefängnis in SDH in ein Konzeptprojekt gemündet ist, lässt hoffen. Für Quickborn haben die passenden Personen noch nicht zusammen an einen Tisch gefunden. Den geduldeten Verfall und die Gespräche über den konkreten Abriss empfinde ich für mich schon länger wie einen verlängerten Holocaust.

  6. Eine Sicherung der Bausubstanz gegen Gefahren aus den Gebäuderesten und eine Einzäunung der Außenflächen des gesamten Objekten sowie die Beseitigung der Hinterlassenschaften der letzten Bewohner, damit meine ich eine Reinigung der Außenanlagen ist bei Weitem nicht so teuer und würde mit Sicherheit ein ganz anderes Bild für solche speziellen Investoren ergeben. Wenn die Stadt Wirtschaftsflächen ansiedeln wollen, dann sind die brach liegenden Flächen von den Bahngleisen über den ehemaligen Kohlenhof bis hin zum Betriebsgelände der alten Feinfrost eine sicherlich preiswerte Erschließung.
    Die anschießenden Flächen rechts und links der Schwarzburger Straße geben noch viele Erschießungsmöglichkeiten her. Ein bisschen Fantasie und Mut gehört aber dazu. Wenn die einstigen Jungunternehmer 1990 ff. das nicht nach der Wende aufgebracht hätten, wäre alles den Bach hinunter gegangen. Viele von den „unter die Arme greifenden Freunden“ hatten große Taschen.
    Denkt doch mal drüber nach.
    Karl A. ( ein geborener Greußner )

    1. Ein erster Schritt wäre die Beräumung des Geländes, die Entkernung der Gebäude, die Sicherung der Fassaden, die Entsorgung der Altlasten, die neue, zeitgemäße Erschließung und schließlich ein Sanierungskonzept inkl. Finanzierungsplan. Darunter eine Teilung des Areals in verschiedene Bauabschnitte. Wichtig ist die Verteilung der Lasten und Risiken auf verschiede Träger.
      Das müßte die Öffentliche Hand leisten. Auf dieser Basis würde das Projekt interessant für private Investoren: Gemischte Nutzungen, Schwerpunkt Wohnen, aber auch emmisionsarmes Gewerbe, Handwerk, Läden, Gastro.

  7. Wird Zeit das diese Ruine wegkommt. Es ist ein Fass ohne Boden. Dank der Familie die dort aktuell noch haust, ist es nur noch abreißbar.

    1. Sehr geehrter Herr Gutmann, man reißt keine Fabrik ab, bloß weil sich Mieter schlecht betragen. Da verwechseln Sie ein paar Dinge.

    2. Herr gutmann da haust keine Familie. Das Grundstück bzw. Das halbe Grundstück wird von der Familie nur gewerblich genutzt. Bitte informieren Sie sich vorher bevor sie sowas schreiben das da jemand hausen würde. Dies ist eine sehr große Lüge.

  8. Ich wohne in 30 Minuten Schnellzugdistanz zu Zürich in der Schweiz.
    In meinem Quartier befindet sich das Gelände einer stillgelegten Spinnereifabrik. Das Gelände wurde umgestaltet, Wohnungen, Arbeitsplätze und Freiräume geplant und gebaut.
    Es ist heute ein wunderbares Zentrum für soziales Wohnen und extrem beliebt. Es ist eine tolle Erfolgsgeschichte, auch für die Investoren. So wollen die Menschen heute wohnen und arbeiten!
    In der Schweiz sind diese Areale alle abgegrast und «verwertet».
    Sie in Greussen haben die unglaubliche Chance dieser Entwicklung (im Moment noch) voraus zu sein.
    Sie werden sich in einigen Jahren die Haare raufen, wenn sie das Potential dieses Geländes heute nicht sehen. Ich verspreche Ihnen, es wird win-win-win Situation sein.
    Christian Schaub Windisch

  9. Ich bin ein Greußener Junge und habe die letzten 15 Jahre mit dem Fotoapparat (auf tausenden Bildern) den fortlaufenden Verfall dokumentiert.
    Die Bausubstanz ist geschädigt, das ist unzweifelhaft.
    Ich würde mir eine neuerliche Nutzung wünschen, um diese einzigartigen Gebäude mit der schönen Architektur zu erhalten.
    Zur letzten Geschichte:
    Das Objekt hatte nach der Wende ein Wessi gekauft. Für die Erhaltung oder Nutzung hat er nichts unternommen. Daraus ist der jetzige Zustand entstanden.

    Das Abreißen ist der einfachste und der billigste Weg um ortstypische Geschichte einzuebnen und nackten Beton darauf zu errichten.

    Was haben sich die alten Baumeister für Mühe gegeben, die nackte Industrie mit einer ansehnlichen Fassade zu verschönern. Jeder sollte in sich gehen und dabei im innersten feststellen, das alte Gemäuer sieht aber schön aus. Auch wenn es nur intakt wäre?
    Das hat doch jeder schon einmal gedacht….., oder?

    Und warum jetzt abreißen und vernichten?

    Die Erhaltung:
    Wir hier in Greußen haben dazu derzeit nicht die Kraft!
    Wer hilft mit, doch noch einen Erhaltungsweg zu finden?

    Durch mein Buch über das Helbegebiet bin ich derzeit stark anderweitig eingebunden. Deshalb habe ich noch nicht alles aus der Geschichte um dieses Industriegebiet erforscht. Auch sind die staatlichen Archive noch geschlossen, wo ich aber schon einiges nebenbei über die Zuckerfabrik, spätere Schokoladenfabrik, gelesen habe.

    Mal sehen wie es weitergeht!

    1. Sehr geehrter Herr Georgi,
      kaum eine Stadt kann ein solches Projekt alleine stemmen. Das erwartet auch kein Mensch. Was man aber erwarten kann, ist dass der Bürgermeister bei der Städtebauförderung anfragt. Denkbar ist sowohl der Ausweis eines Sanierungsgebiets als auch Sondermittel aus verschiedenen Töpfen. Das Land und der Bund helfen gerne, so hat Bad Langensalza oben eine Zusagen von 800.000 Euro erhalten für die alte Mälzerei. Dort, nicht weit von euch, sind sie fit und nutzen ihre Möglichkeiten. Aber eine Stadt muss das auch wollen und geschlossen dafür kämpfen. Abreißen ist keine Heldentat. Es soll immer den Boden bereiten für neues. In Wirklichkeit ist es immer nur ein Stück Verlust von Geschichte und Stadtbild. Zumeist für nichts.

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