Die Schokoladenfabrik Greußen darf nicht abgerissen werden!

Die konzeptlose Zerstörung des industriekulturellen Erbes und energetisch wertvoller Bausubstanz in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt mit staatlichen Mitteln scheint kein Ende zu finden – allen gegenläufigen Diskussionen in Wissenschaft und Forschung und allen politischen Bekenntnissen zur Nachhaltigkeit zum Trotz

Diesmal: Greußen, nördlich unweit der Landeshauptstadt Erfurt gelegen. Thüringens Wirtschaftminister Wolfgang Tiefensee lässt verkünden, dass er Anfang Januar der Stadt Greußen persönlich einen Fördermittelbescheid über zwei Millionen Euro (!) übergeben wird zur Zerstörung eines einmaligen und sanierungsfähigen Industriedenkmals nur 30 Bahnminuten vom Hauptbahnhof Erfurt entfernt.

Das TMWWDG ignoriert damit nicht nur den vieldiskutierten Neustart baupolitischer Richtlinien und Zielsetzungen, es mißachtet auch die seit langem laufenden Diskussionen und neue fachliche Befunde.

Angestoßen durch lokale Politiker, Architekten, Denkmalpfleger und die FH Erfurt und unterstützt durch Greußener Bürger kam Anfang 2021 die ehemalige Schokoladenfabrik in den Fokus der Thüringer Öffentlichkeit. Die Überzeugung vieler war: Diese Gelder wären für Erhalt, Sicherung und Erschließung des Areals deutlich besser angelegt, auch und vor allem im Interessse der Entwicklung der Stadt. Lokale Investoren meldeten Interesse an, Kommunalpolitiker sprachen sich für eine Überprüfung der Abrisspläne aus.

Teilweise sind die Schäden groß, bei diesem Gebäude steht jedoch das Dach noch

Bei der ehemaligen Schokoladenfabrik handelt sich um ein großes Industrieareal direkt am Bahnhof Greußen, errichtet aus hochwertigem Naturstein, mit einer langen Geschichte, eng verbunden mit den Menschen der Stadt. Das Areal hat aufgrund seiner Substanz und seiner Lage (nur 30 min zum Bahnhof Erfurt) ein hohes Potenzial für ein neues Wohnquartier, dass der Stadt Greußen den dringend erforderlichen Entwicklungsschub geben könnte. Wir schrieben darüber: „Hier will ich wohnen!“

In der Folge begann das TLDA, die Unterschutzstellung des Areals zu prüfen, und hat sich die Fachhochschule Erfurt des Objektes angenommen. In einer Projektstudie hat die FH den denkmalpflegerischen Wert der Bausubstanz, deren Bedeutung für die Stadtentwicklung und die Sanierungswürdigkeit und -möglichkeit festgestellt. Aus der FH Erfurt verlautbart hierzu:

Seit dem Sommer 2021 haben Studierende der Fachrichtungen Architektur und Bauingenieurwesen der Fachhochschule Erfurt unter Leitung von Prof.in Stephanie Kaindl und Prof. Ralf Arndt das Ensemble der ehemaligen Schokoladenfabrik in Greußen erforscht, mit einem 3D-Scanner vermessen und Pläne erstellt. Die vorgefundene Bausubstanz ist an vielen Stellen überraschend gut. 

Die bis zu 50 cm dicken Außenwände sind robust, es gibt nur wenige Risse im Mauerwerk. Im Inneren findet man z.T. sehr tragfähige Decken aus Eisenbeton aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber auch Gusseisenstützen mit Kappendecken von ca. 1870 und robuste Fachwerkkonstruktionen. Die vorhandene Bausubstanz an sich stellt einen großen materiellen Wert in Millionenhöhe dar. Der Rohbau steht quasi bereits, bei einer Revitalisierung müssten lediglich Dächer, einige Geschossdecken, Fenster und der Innenausbau ergänzt werden. 

Ein Abriss würde Ressourcen vergeuden. Der Standort hat großes Potential. Greußen liegt verkehrsgünstig zwischen Erfurt und Nordhausen im ländlichen Raum, die Schokoladenfabrik direkt am Bahnhof. Eine privilegierte Situation, um diesen identitätsstiftenden Ort zwischen Stadt und Land mit neuem Leben zu füllen. Studierende im Masterstudiengang Architektur entwickeln aktuell Entwürfe für einen Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten und Kultur. Auch eine kleine Schokoladenmanufaktur ist wieder Teil des Raumprogramms. Vergleichbare Projekte sind oft geglückt und zur Initialzündung für die Entwicklung von Gemeinden geworden. Die alte Schokoladenfabrik könnte das neue Markenzeichen Greußens werden. 
(Prof. Stephanie Kaindl, Fakultät Architektur und Stadtplanung der FH Erfurt, Januar 2022)

International weisen sämtliche baupolitischen Diskussionen in diese Richtung: Sicherung des Bestands, Neunutzung der Brachen, Verdichtung der urbanen Strukturen, attraktive Wohnräume in historischen Ensembles.

Mit zwei Millionen Euro ließen sich die Voraussetzungen schaffen für die Vermarktung des Quartiers unweit der wachsenden und prosperierenden Landeshauptstadt. Lokale Investoren stünden bereit. Die Planung könnte dabei unter Wahrung bestehender Strukturen große gestalterische Freiräume nutzen und so in einem auch wirtschaftlich vertretbaren Rahmen ein intelligentes Zusammenspiel von Bestand und Neubau realisieren.

Leider hat es den Anschein, dass all diese Erkenntnisse bis heute nicht in das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft vorgedrungen sind.

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Nachtrag 13.1.2022:
Offener Brief des BDA Thüringen an
und
Protestaktion der FH Erfurt gegen
Wirtschaftminister Tiefensee am 13.1.2022

Studenten und Professoren der FH Erfurt, Vertreter der BDA Thüringen und einige Greußener protestierten am 13.1.2021 gegen die unwiederbringliche Zerstörung des industriekulturellen Erbes Schokoladenfabrik Greußen mit über 2,3 Mio (!) öffentlichen Fördermitteln. Der Thüringer Wirtschaftminister war extra angereist, um den Bescheid zu übergeben, so stolz scheint er zu sein auf seine absurde Verschwendung von Steuermittel.
Der stellvertretende Vorsitzende des BDA Thüringens, Michael Rommel, übergab Minister Tiefensee als Ausdruck des Protestes einen Offenen Brief, der hier downzuloaden ist.

Die Studierenden der FH Erfurt stellten klar, dass sie den Abrissbeschluss nicht nachvollziehen können. Sie hatten das Industrieareal untersucht und vermessen und als erhaltenswert erkannt.
Mit Abrissen Exempel der eigenen Macht statuieren – anstatt aufzubauen und zu erhalten: Politiker aus Kommune und Land zeigen ihre Kompetenzen.

Stahlend und stolz auf seine Zerstörungsfinanzierung mit der enormen Summe von 2,352 Mio. Euro: Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (Mitte)
(alle drei Fotos ©: Peter Georgi)

Noch mehr Bilder von © Jana Groß:

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