Die Denkmalpflege und ihre Zwei-Klassen-Gesellschaft

Der klassische Denkmalbegriff ist ein Fossil und ignoriert die Wirklichkeit unserer Städte.

Ein Beitrag zum 100. Geburtstag des Kunsthistorikers Willibald Sauerländer am 29.2.2024

von Jan Kobel, Februar 2024

Foto: Stadt als Wüste. Gelsenkirchen, 2024 (Foto: Ramon Schack)

––––––––––

Die Denkmalpflege kann die Versäumnisse der Stadtplanung nicht ersetzen.
(Holger Reinhard, Landeskonservator Thüringen, 2023)

In den 60er Jahren wurde es unübersehbar, dass Substanz und Lebensqualität der deutschen Städte durch die Praxis des „Wiederaufbaus“ massiv bedroht waren. Zu jenen, die damals eine Neuorientierung der Denkmalpflege forderten, gehörte der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer (1924 Waldsee – 2018 München).

Vor knapp 50 Jahren, anläßlich des Europäischen Denkmalschutzjahres 1975, hielt Sauerländer vor Vertretern der westdeutschen Landesämter in diesem Kontext einen weitblickenden Vortrag zu grundsätzlichen Fragen des Denkmalschutzes. Titel des Referats: „Erweiterung des Denkmalbegriffs?“

1.
Willibald Sauerländer und seine Provokation der amtlichen Denkmalpflege

Das Herausragende an Sauerländers Vortrag war, dass er einem Kongress, der sich dem Motto Eine Zukunft für unsere Vergangenheit verschrieben hatte, mitteilte, dass genau dieses Motto die Widersprüche ignoriere, in die die Denkmalpflege hingeraten sei. 

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HiStory Hotels – ein neues Konzept von Hotellerie für das Erleben von Residenzkultur in Thüringen

Autoren: Judith Rüber und Jan Kobel
Foto: Meisterzimmer, Leipzig / © jankobel.de

Dies ist das Manuskript eines Impuls-Vortrages, den Jan Kobel am 30.11.2023 im Kontor in Erfurt auf einer Veranstaltung des TMIL (Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft), der LEG Thüringen und der IHK Erfurt zum Thema „Innenstädte mit Zukunft“ gegeben hat.

Dieser Impulsvortrag fußt auf dem Artikel Das Ziel heißt Zuzug, der Weg Tourismus, den wir im März 2021 in seiner Kurzversion hier und in seiner ausführlichen Version hier veröffentlicht haben.

DIE FÜNF THESEN:

A.
Innenstadtentwicklung braucht Hilfe von aussen: Tourismus
B.
Thüringen ist für Menschen mit einem gewissen Bildungsniveau Sehnsuchtsland – aber es wird nicht so wahrgenommen und nicht kommuniziert.
C.
Mit aussergewöhnlichen Hotels kann man diese Menschen ins Land locken
D.
Diese Hotels können nur in historischen Gebäuden entstehen, unter Bewahrung des baulichen Bestandes.
E.
Dieses Konzept einer neuen authentischen Hotellerie braucht Initiative, Koordinierung und Support durch die Öffentliche Hand.


A. Innenstadtentwicklung braucht Hilfe von außen: Tourismus

Die fortgesetzte modernistische Zerstörung der Aufenthaltsqualitäten unserer Zentren und die Veränderungen des Konsumverhaltens in einer digitalisierten Welt machen es dem klassischen Einzelhandel in den Innenstädten immer schwerer, sich zu behaupten. Nur durch die Konzentration auf eine Angebotspalette von Produkten, Dienstleistungen und Erlebnisräumen, die digital nicht zu ersetzen sind, kann die Spirale der Verödung der Innenstädte unterbrochen werden.

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Das Ziel heißt Zuzug, der Weg Tourismus (Kurzfassung)

Die Kleinstaaten haben Deutschland zum gebildesten Lande der Welt gemacht. (Wilhelm von Kügelgen, 1865)

© Karte: Zeit-Magazin 10/2021 vom 3. März 2021
© Text: Judith Rüber und Jan Kobel

(Diese Artikel ist eine Kurzfassung eines ausführlichen Artikels vom März 2021, der hier einzusehen ist)

Die Prüfung der Thüringer Residenzkultur als Kandidat für das UNESCO-Weltkulturerbe durch die aktuelle Landesregierung ist ein wichtiger Schritt, dieses kulturelle Erbe nicht nur zu respektieren und zu sichern, sondern auch sichtbar und erlebbar zu machen. In einem zweiten Schritt sollte das Tourismuskonzept des Landes kongenial angepasst werden. Diese Beitrag möchte dafür einen Weg aufzeigen.

1. Einleitung:

Wie vom ZEIT-Magazin im März 2021 beeindruckend visualisiert, hat das Land Thüringen ein deutliches Alleinstellungsmerkmal. Es besteht in der Vielfalt und Dichte seiner Residenzen, die sich der „Kleinstaaterei“ dieses Landes verdanken. Wenn Thüringen auch in Mentalität und Baukultur viel mit Franken, Sachsen-Anhalt und Sachsen gemein hat, unterscheidet es sich doch von seinen unmittelbaren Nachbarn, erst recht von allen anderen deutschen Staaten, dadurch, dass es in seiner Geschichte bis 1918 nie zentralistisch regiert war. Dass das ein positiv zu bewertendes Alleinstellungsmerkmal sei, klingt auf den ersten Blick erstaunlich. Es wird aber verständlich, wenn man sich folgendes vor Augen führt:

Die vielen kleinen Fürstentümer Thüringens konkurrierten seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts nicht durch militärische Macht gegeneinander, wie die großen Fürstentümer und Königshäuser. Sie eiferten darum, sich durch die Pracht ihrer Bauten und Gartenanlagen, die Qualität ihrer Sammlungen, durch den Geist ihrer Hofkultur und die Erlesenheit ihrer Komponisten, Hofkapellen, Dichter*innen und Theater hervorzutun. Weimar ist das bekannteste Produkt dieser Konkurrenz, die Leute wie Goethe und Schiller, Herder und Wieland nach Thüringen lockte, und der es letztlich auch zu verdanken ist, dass Thüringen heute stolz auf das Bauhaus sein darf.

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Schuss, Kette, Pixel – die Renaissance der traditionellen Jacquard-Weberei in Sachsen

(alle Fotos © Jan Kobel / aus den Jacquard-Webereien in Crimmitschau und Braunsdorf / Niederwiesa. Titelbild: Seidenweberei von ca. 1900)

„Industriekultur“ ist ein Topos unserer Zeit von wachsender Bedeutung. Er hat architektonische, städtebauliche, handwerkliche, soziokulturelle und sogar energiepolitische Bezüge. Nur selten verstehen wir darunter die Fortführung eben jener technischen Kultur, die die baulichen Zeugen aus der Zeit der industriellen Entwicklung Europas einst beherbergten. Doch es gibt sie wieder, die Manufakturen und Fabriken, die heute noch fabrizieren wie vor 150 Jahren.

Zwei dieser traditionellen und zukunftsträchtigen Unternehmen sind die Camman Gobelin Manufaktur (1886 Chemnitz) und die Seidenmanufaktur Eschke (1868 Mühltroff/Vogtland), beide vor Untergang und Vergessen gerettet und wieder aufgebaut von Peggy Wunderlich und Torsten Bäz aus Chemnitz und ihren Mitarbeitern.

Wunderlich und Bäz sind Visionäre der besonderen Art, deren Aufbauwerk mit diesem Artikel vorgestellt werden soll. Bevor ich darauf genauer zu sprechen komme, ein paar Erläuterungen zum grundsätzlichen Verständnis der Jacquard-Weberei und ihrer Bedeutung für die mechanische Reproduktion des Bildes und die Digitalisierung von Prozessen.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist BQ1A0507-HDR_web-1-1024x848.jpg
Jacquard-Webstühle der Camman Gobelin Manufaktur in Braunsdorf. Von der Decke hängend im Vordergrund die Lochkarten, die für jeden Kettfaden eine Rauf-Runter-Programmierung enthalten, im Hintergrund die Steuerungsfäden für die Kettfäden.
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„Europa wird sich zu einem Museum des Postindustrialismus entwickeln, mit dem Tourismus als Haupteinnahmequelle“

Dr. US-Ökonom Michael Hudson über die Geopolitik der USA, die Rolle Europas darin, und warum eine Multipolare Welt mit dem Eurasischem Raum als neuem Machtzentrum unvermeidbar ist.

Ohne darüber zu reden, geht Hudson davon aus, dass die europäischen Nationen unter der Leitung der EU in Brüssel weiterhin den US-Direktiven folgen werden und nicht nur das Decoupling von Russland, sondern auch von China durchsetzen werden. Ob das tatsächlich so eintritt, ist meines Erachtens noch nicht entschieden, auch angesichts der deutschen Ambitionen, eine neue weltweit aktive „Ordnungsmacht“ werden zu wollen. Das europäische Kapital wiederum sieht das so oder so relativ gelassen, es ist international aufgestellt – und wandert aus.

Dieser Text, ein Interview, wurde
https://www.nakedcapitalism.com/2022/12/michael-hudson-discusses-the-future-of-europe-and-global-restructuring.html
entnommen, mit DeepL übersetzt und von mir redigiert.

Titelbild: Chemnitz, Ernst-Ludwig Kirchner, 1925

FRAGE:
Herr Hudson, Sie sagten: „Was Sie als „Blockierung von Nord Stream 2″ bezeichnen, ist in Wirklichkeit eine Buy-American-Politik.“ Könnten Sie das kommentieren?

MICHAEL HUDSON:
Die Außenpolitik der USA konzentriert sich seit langem auf die Kontrolle des internationalen Ölhandels. Dieser Handel trägt in hohem Maße zur Zahlungsbilanz der USA bei, und seine Kontrolle gibt den US-Diplomaten die Möglichkeit, andere Länder zu kontrollieren.

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Antikunst-Happening in Kassel

Wir durften schonmal reinschauen, in die documenta fifteen, wo sie Kunst als kollektiven Resonanzraum des sozialen Lebens feiern – und den elitären Kunstmarkt einfach aussperren

Titelbild:
Demonstrationspappen aus Indonesien, auf der diesjährigen documenta in kollektiver Dauerproduktion

Jan Kobel, 16.6.2022

Die Kunst ist das eine, ihre Vermarktung das andere. Soll heißen: Kunst kann alles mögliche sein, aber der Kunstbetrieb, das ist doch eine klar definierte Sache.

Die funktioniert so: Die Kuratoren der bedeutenden Museen und die großen, zumeist angelsächsischen Galeristen wachen über die Zugänge zum Heiligen Gral, zu den mit Milliarden Dollar gefüllten Töpfen der Sammler und Sammlungen. Sie suchen natürlich nur „die Besten“, die Elite der Kunstwelt, die ihr Geld wert sind, und die will erst einmal definiert sein. 

Back to Basics: Filzpantoffel aus Yak-Haaren als Aufklärung über die Nachhaltigkeit des nomadischen Lebens. Hafenstraße 76

The Winner Takes it All, was sonst, der Rest darf an die Volkshochschule. So muss das sein, denn erst der Existenzkampf der erfolglosen Künstler gibt den Handverlesenen die AURA DES GENIALEN. Zwischen Elite und Looser ist nur wenig Platz, und der wird auch immer enger. Niemand hat dich gezwungen, Künstler werden zu wollen. 

Größenwahn und Scham, Rausch und Einsamkeit, Starkult und Verachtung – das ist die Welt des kapitalistischen Kunstbetriebs und all derer, die dazugehören wollen, bis nach China. Das Business ist wirklich Big und die Verlockungen sind groß. Aber: Die diesjährige documenta will das nicht!

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Die Schokoladenfabrik Greußen darf nicht abgerissen werden!

Die konzeptlose Zerstörung des industriekulturellen Erbes und energetisch wertvoller Bausubstanz in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt mit staatlichen Mitteln scheint kein Ende zu finden – allen gegenläufigen Diskussionen in Wissenschaft und Forschung und allen politischen Bekenntnissen zur Nachhaltigkeit zum Trotz

Diesmal: Greußen, nördlich unweit der Landeshauptstadt Erfurt gelegen. Thüringens Wirtschaftminister Wolfgang Tiefensee lässt verkünden, dass er Anfang Januar der Stadt Greußen persönlich einen Fördermittelbescheid über zwei Millionen Euro (!) übergeben wird zur Zerstörung eines einmaligen und sanierungsfähigen Industriedenkmals nur 30 Bahnminuten vom Hauptbahnhof Erfurt entfernt.

Das TMWWDG ignoriert damit nicht nur den vieldiskutierten Neustart baupolitischer Richtlinien und Zielsetzungen, es mißachtet auch die seit langem laufenden Diskussionen und neue fachliche Befunde.

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Die Operette um Nord Stream 2

Wenn deutsche Medien sich einig sind, dass eine Gaspipeline eine Gefahr darstellt, weil das Gas nun nicht mehr durch die Ukraine zu uns kommt, die EU extra ihre Verordnungen ändert, um diese Pipeline zu verhindern, und es der deutschen Wirtschaft, die hier geschädigt wird, offenbar die Sprache verschlägt – dann lohnt es sich, genauer nachschauen, worum es hinter den Kulissen geht.

Hintergründe zu den russischen Pipelines, die gerne verschwiegen werden, Ausblicke auf eine irrlichternde Hegemonialmacht USA und Einblicke in deutsche Redaktionsstuben, auf die man lieber verzichtet hätte.
Jan Kobel / Arnstadt, 25.12.2021

Die Vorgeschichte: wie kommen die Röhren in die Ostsee?

Wie die „2“ in Nord Stream 2 (NS2) andeutet, handelt es sich bei der Gaspipeline durch die Ostsee nicht um die erste dieser Art. Die erste Pipeline, Nord Stream 1, verläuft parallel zur aktuell umstrittenen NS2, wurde bereits im November 2011 eingeweiht und versorgt seitdem Europa mit 55 Mrd. m3 Erdgas pro Jahr.

Mit 7,4 Mrd. Euro war NS1 eine der größten privaten Investitionen in die Energienetze Europas. Eigentümer dieser ersten Ostseepipeline ist die Nord Stream AG mit Sitz in der Schweiz. Dieses Unternehmen gehört zu 51% Gazprom, den Rest halten WintershallE.ON, Gasunie und Engie.

(Quelle: wikicommons)

Die Idee, eine Gaspipeline kostenintensiv durch die Ostsee zu bauen, anstatt weitere Röhren durch Osteuropa, kam Ende der 90er Jahre auf. Mit der Neuordnung Europas strich Russland Polen und der Ukraine nach und nach die noch aus RGW-Zeiten stammenden Sonderkonditionen für Erdgaslieferungen, was diese nicht bereit waren hinzunehmen.

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Das Scheitern des Westens und die Fortführung der europäischen Aufklärung – in China

Was uns die Pandemie lehrt über die politische Kultur des Abendlandes, und warum nun China übernehmen wird – wirtschaftlich, politisch und moralisch.

von Jan Kobel, 14. 11.2021

Titel: Die Infografik der Johns-Hopkins-Universität vom November 2021 täuscht. Dort, wo es dunkel ist, wird zukünftig das Licht der Wissenschaft am hellsten scheinen. 

Anfang 2020, als das alles losging, schrieben sich in den sozialen Medien einige die Finger wund, warum es zu ZERO COVID keine Alternative gäbe und warum die Idee, eine Pandemiekurve „flatten“ oder eine „Herdenimmunität“ abwarten zu wollen, reines Wunschdenken ist. Es waren Wissenschaftler wie Tomas Pueyo oder Konstantin Tavan, Journalisten wie Dirk Specht oder Christian Y. Schmidt.

Die wissenschaftlichen Stimmen aus dem fernen Osten, durch SARS-Pandemien erfahren und mit der Thematik vertraut, ließen sowieso keinen Zweifel aufkommen: Eine Pandemie kann man nicht kontrolliert ablaufen lassen, die Risiken sind nicht nur für tausende von Menschen eine tödliche Gefahr, sie sind auch gesellschaftlich unkalkulierbar.

Vor allem aber bedeutet das, was Europa und die USA seit März 2020 ignorant durchziehen, es darauf ankommen zu lassen, dass das Virus in Millionen von Menschen Billiarden von Möglichkeiten testen kann, erfolgreich zu mutieren und dadurch immer gefährlicher zu werden. Genau das wurde vorherhergesagt, und genau das erleben wir nun.

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32 | 1938 | 0 – Die Synagogen in Thüringen

Titelbild: Der Standort der großen Synagoge des Architekten Richard Klepzig (1860 – nach 1923) in Gotha heute.

32 Bild- und 32 Texttafeln auf extra entworfenen und angefertigten Stelen vergegenwärtigen die Geschichte der Synagogen und des jüdischen Lebens in Thüringen. Die Ausstellung ist zugleich als Wanderausstellung konzipiert

Altenburg
Arnstadt
Aschenhausen
Barchfeld
Berkach
Bibra
Bleicherode
Eisenach
Ellrich
Erfurt
Gehaus
Geisa
Gera 1/2
Gleicherwiesen
Gotha
Heiligenstadt
Hildburghausen 1/2
Ilmenau
Meiningen
Mühlhausen
Nordhausen
Schleusingen
Schmalkalden
Schwarza
Sondershausen
Stadtlengsfeld
Suhl
Themar
Vacha
Walldorf

Sichtbar machen, was aus dem Blick geraten ist und Jahr für Jahr unsichtbarer wird, das ist das Ziel einer Ausstellung von Judith Rüber und Jan Kobel im Milchhof Arnstadt vom 24. September bis zum 14. November 2021. Ein Ausstellungsprojekt des Milchhof Arnstadt e.V. im Rahmen der und unterstützt von den ACHAVA Festspielen.

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Venezianische Maskerade 2021

Der deutsche Pavillon in den Giardini. Die Negation einer Ausstellung – als Ausstellung.

Die Biennale Architettura in Venedig gilt als die bedeutendste internationale Visionenschau für Architektur und Städtebau. Angesichts der scheinbar exponentiell wachsenden Herausforderungen könnte man vermuten, dass Ziele und Erwartungen hoch gesteckt sind.

Unsere Städte verlieren seit Jahrzehnten an Lebensqualität, die ländlichen Regionen kontinuierlich Menschen. Die Bauwirtschaft ist für ein Drittel der weltweiten CO2-Emmision verantwortlich, Bauen im Bestand, Umnutzung und urbane Verdichtung sind zweifelsfrei die Themen der Zukunft. Viele Städte suchen Wege, um das Auto aus den Innenstädten herauszubekommen.

Die Antworten, die in Venedig auf diese Herausforderungen gegeben werden, erscheinen allerdings dürftig – soweit ein langer Tag im Arsenale und in den Giardini überhaupt einen repräsentativen Einblick erlaubt. Um die gesamte Architektur-Biennale zu überblicken, inkl. der vielen über Stadt und Lagune verteilten Sonderinitiativen, ist ein mehrtägiger Aufenthalt notwendig.

Die Biennale di Architettura findet, wie die Kunstbiennale, in den vermutlich ältesten Industriekulturen der Welt statt. Den Werftanlagen Venedigs aus dem 15. Jahrhundert. Mehr braucht es nicht, um immer wieder zu kommen.

Venedig im Sommer 2021, frisch wiedereröffnet nach harten Lockdowns, ohne asiatische und amerikanische Touristen, ist eine Verlockung, der Venedigliebhaber nicht widerstehen können. Eine wunderschöne Stadt, in der Touristen und Einheimische sich scheinbar die Waage halten, in der das normale Leben, das ja allen Gerüchten zum Trotz nie aufgehört hat, wieder sichtbar wird. Dazu eine Ausstellung unter dem vielversprechendem Titel „How will we live together?“, kuratiert vom libanesisch-amerikanischen Architekten Hashim Sarkis:

„In einer Welt des zunehmenden ökonomischen Ungleichgewichts, die sich auch politisch immer mehr spaltet, rufen wir die Teilnehmer auf, sich Räume auszudenken, in denen wir wohlwollend miteinander leben können. Die Betonung liegt auf miteinander.“  (Hashim Sarkis)

Bei aller moralischer Unanfechtbarkeit dieses „Aufrufs“ wünschte man sich freilich etwas mehr analytisches Denken als Basis einer Ausstellung, die die Architektur der Zukunft zu bestimmen sucht. Sich „Räume auszudenken“ ist schon sehr idealistisch in dem Sinne, dass die Frage nach den Gründen des „ökonomischen Ungleichgewichts“ gar nicht gestellt wird. Von „carbon foodprint“, Bauen im Bestand und Flächenverbrauch, Sondermüllproduktion oder städteplanerischen Renaissancen ganz zu schweigen. Von all dem aber kaum ein Wort.

Noch scheint alles gut in Venedig. Architektur, städtische Strukturen, Denkmalpflege, Wandgestaltungen. Eigentlich der perfekte Ort für eine Architekturausstellung.

Die Ausstellung selbst macht schnell klar: Sie will auf die drängenden Fragen des Bauens keine Antworten geben, da sie diese schlicht und einfach ignoriert. Hashim Sarkis und seine Co-Kuratoren sind dem Denken des 20. Jahrhunderts verhaftet, einer Moderne, die dem Kult des genialen Architekten huldigt. In dieser Welt brilliert der Planer durch aufsehenerregende Einfälle, deren Bezug auf die drängenden Fragen der Menschheit durch freies Assoziieren auf den sie begleitenden Texttafeln irgendwie nahegelegt wird.

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Das Ziel heißt Zuzug! Der Weg heißt Tourismus.

Die Kleinstaaten haben Deutschland zum gebildesten Lande der Welt gemacht. (Wilhelm von Kügelgen, 1865)

© Karte: Zeit-Magazin 10/2021 vom 3. März 2021
© Text: Judith Rüber und Jan Kobel

Die Prüfung der Thüringer Residenzkultur als Kandidat für das UNESCO-Weltkulturerbe durch die aktuelle Landesregierung ist ein sehr wichtiger Schritt, dieses kulturelle Erbe nicht nur zu respektieren und zu sichern, sondern auch sichtbar und erlebbar zu machen. In einem zweiten Schritt sollte das Tourismuskonzept des Landes kongenial angepasst werden. Diese Beitrag möchte dafür einen Weg aufzeigen.

1. Einleitung:

Wie vom ZEIT-Magazin im März 2021 beeindruckend visualisiert, hat das Land Thüringen ein deutliches Alleinstellungsmerkmal. Es besteht in der Vielfalt und Dichte seiner Residenzen, die sich der „Kleinstaaterei“ dieses Landes verdanken. Wenn Thüringen auch in Mentalität und Baukultur viel mit Franken, Sachsen-Anhalt und Sachsen gemein hat, unterscheidet es sich doch von seinen unmittelbaren Nachbarn, erst recht von allen anderen deutschen Staaten, dadurch, dass es in seiner Geschichte bis 1918 nie zentralistisch regiert war. Dass das ein positiv zu bewertendes Alleinstellungsmerkmal sei, klingt auf den ersten Blick erstaunlich. Es wird aber verständlich, wenn man sich folgendes vor Augen führt:

Die vielen kleinen Fürstentümer Thüringens konkurrierten seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts nicht durch militärische Macht gegeneinander, wie die großen Fürstentümer und Königshäuser. Sie eiferten darum, sich durch die Pracht ihrer Bauten und Gartenanlagen, die Qualität ihrer Sammlungen, durch den Geist ihrer Hofkultur und die Erlesenheit ihrer Komponisten, Hofkapellen, Dichter*innen und Theater hervorzutun. Weimar ist das bekannteste Produkt dieser Konkurrenz, die Leute wie Goethe und Schiller, Herder und Wieland nach Thüringen lockte, und der es letztlich auch zu verdanken ist, dass Thüringen heute stolz auf das Bauhaus sein darf.

Schloss Friedenstein in Gotha. 1,15 Millionen Sammlungsgegenstände.
Ein Universum für sich. Gesehen aus dem Herzoglichen Palais

Wichtig ist zu erkennen, dass die Thüringer Residenzkultur nicht nur von touristischer und kultureller Bedeutung ist, sondern ein wesentlicher Beitrag zur Regionalentwicklung und für den Zuzug von Menschen sein kann. Die demoskopischen Prognosen für einzelne Regionen des ostdeutschen Raums sind dramatisch. Zu den größten Herausforderungen des Landes Thüringen gehört es deshalb, das Veröden der kleinen Städte und der ländlichen Regionen abseits der A4 zu stoppen. Zuzug wird zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor.

Voraussetzung dafür ist eine Konzertierung von Infrastruktur-, Wirtschafts- und Kulturpolitik mit einer landesweiten Tourismuskonzeption.

Die aktuell gültige, im Auftrag des Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft unter der Mitwirkung von einem halben dutzend Agenturen und 15 Workshops erstellte Tourismusstrategie des Landes Thüringen umfasst ohne Anhang 73 Seiten. Sucht man darin nach den Begriffen, mit denen sich, im Marketing-Jargon, die USP (unique selling points – Alleinstellungsmerkmale) Thüringens festmachen, kommt man auf folgende Resultate:

Residenz: 0 Treffer
Residenzstädte: 0 Treffer
Schlösser: 0 Treffer
Kunst- oder Wunderkammer: 0 Treffer
Gärten: 0 Treffer
Kleinstaaten: 0 Treffer
Fürsten: 0 Treffer
Johann Sebastian Bach: 0 Treffer
Heinrich Schütz: 0 Treffer
Lukas Cranach: 0 Treffer
usw.

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Hier will ich wohnen! Die Alte Schokofabrik ist eine Riesenchance für Greußen.

Das Hauptgebäude. Verfallen, aber das Mauerwerk hält noch 100 Jahre. Naturstein-Mauerwerk, in roten Ziegel gefasst. Wunderschöne Metall-Rundbogenfenster

MDR Thüringen vom 29. Dezember 2020: Die ehemalige Schokoladenfabrik soll abgerissen werden, Bürgermeister René Hartnauer (SPD) „zeigt sich erleichtert, endlich gehe es auf der Brachfläche neben dem Bahnhof weiter“. Die Kosten liegen bei zwei Millionen Euro, 200.000 davon muss die Stadt selbst tragen. Den Rest trägt, einmal mehr und absurderweise, irgendein Förderprogramm der Thüringer Abriss-, äh Aufbaubank namens GRW, das dafür eigentlich nicht zugeschnitten ist: 
https://www.aufbaubank.de/Foerderprogramme/Gemeinschaftsaufgabe-GRW

Kleine erhaltenswerte Details wie diesen Erker gibt es immer. Meine Frau will da einziehen!

Der Bestand: Ein 12.000 Quadratmeter großes Gelände mit Gründerzeitarchitektur von unverwüstlicher Mauerwerksqualität, auch wenn die Dächer längst eingestürzt sind. Mehrere Ruinen. Direkt am Bahnhof, sich hofähnlich öffnend zur Stadt, mit reichlich Aussenfläche. Ein Objekt, aus dem sie in Berlin und Hamburg sofort einen kulturellen und wirtschaftlichen Hotspot machen würden, bis die Preussischen Kappen glühen. Hier aber sind wir in Greußen, in Thüringen, in der Provinz nördlich von Erfurt. Da ist das nicht so einfach.

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Mehr Schande als Fleck? Die Verachtung historischer Bausubstanz und die Ideologie der Moderne in Deutschland

Eine Analyse mit Handlungsperspektive

(Titelbild: Kammgarnspinnerei Wernshausen, errichtet 1836-1920, Abriss 2009, © TLDA)

Wir bauen eine neue Gesellschaft, aber diese Gesellschaft darf nicht in die Gehäuse der alten kriechen.
Hans Sharoun, Stadtbaudirektor Berlin 1945/46

Verfasser: Jan Kobel, Judith Rüber, im Januar 2021

A_Abstract / Zusammenfassung und Nachweiszweck:

1) Von allen baulichen Zeugnissen, auf die Deutschland zurückblicken kann, ist ein Gebäudetypus am meisten von Zerstörung bedroht: die Industriearchitektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Kein anderer Typus steht so oft leer und kein anderer Leerstand bedeutet so schnell Abriss.
Damit gehen nicht nur Jahr für Jahr wertvolle Architekturen und Denkmäler verloren, die von der Geschichte einer Industriekultur zeugen, die Deutschland bis heute prägt. Diese Abrisse sind auch in ökologischer Hinsicht unverantwortlich, da der Erhalt und die Wiederherstellung dieser Gebäude ein vielfaches nachhaltiger ist als ihr Abriss und eventuelle Neubauten. Schließlich sind diese Fabrikarchitekturen durch keinen Neubau zu übertreffen was ihren Erlebnis- und Nutzwert angeht für Wohnen, Handel, Kunst und Gewerbe.

2) Obwohl diese Erkenntnis nicht neu ist, Deutschland zahlreiche Beispiele erfolgreicher Umnutzungen von Industriekulturen vorweisen kann, ist der Abriss dieser Gebäude nicht gestoppt. Das liegt an zwei Gründen, wie diese Abhandlung nachweisen will:
Zum einen an einem gebrochenem Verhältnis der deutschen Baukultur zu ihrer eigenen Geschichte, die durch zwei politisch-moralische Zusammenbrüche im 20. Jahrhundert geprägt ist, die andere europäische Staaten so nicht erlebten. Dabei kommt der Ideologie und dem Absolutheitsanspruch der Moderne eine nicht unerhebliche Rolle zu: Schön und gut ist bis heute nur, was neu ist!
Zum anderen der ungebrochenen Bereitschaft des Bundes und der Länder, erhebliche Mittel für sog. „Brachenberäumungen“ zur Verfügung zu stellen. Das erscheint problematisch vor allem deshalb, weil diese Mittel ausgeschüttet werden völlig getrennt davon, inwiefern die durch diese Gelder ins Werk gesetzten Abrisse tatsächlich ihrem Anspruch, Flächen „wiederzubeleben“, gerecht werden. Wie gezeigt werden kann, sind diese Mittel nicht nur Voraussetzung für viele Abrissprojekte, sondern ihr Motor. Bund und Ländern kommt hier eine Verantwortung zu, die nur selten diskutiert wird.

3) Deshalb kann ein ernsthafter Versuch, dem deutschen Abrisswahn gegen (nicht nur, aber insbesondere) die unwiederbringlichen Industriearchitekturen unseres Landes entgegenzutreten, nur darin bestehen, die Fokussierung auf denkmalpflegerische Aspekte auszuweiten auch auf Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit, der gewerblichen Nutzungspotenziale und der positiven sozialen Folgeeffekte für Städte und Kommunen. Zugleich muss es gelingen, die Bundes- und Landesbehörden von der wirtschaftspolitischen und stadtplanerischen Schädlichkeit ihrer Vergabepolitik zu überzeugen. Eine Petition an den Deutschen Bundestag ist in Vorbereitung.

B_Argumentation & Fallbeispiele / Zur zerstörerischen Dialektik des Begriffes Schandfleck

Dass ungenutzte Gebäude mehr oder weniger dem Tode geweiht sind, ist auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Bei Kirchen, Schlössern und Burgen haben wir gelernt, dass man sie nicht abreißen darf, auch wenn sie über Jahrzehnte ungenutzt bleiben. Hier herrscht ein Tabu, und das ist gut so. Bei profanen Gebäuden und industriellen Bauten ist das noch anders. Insbesondere die ostdeutschen Zeugen der industriellen Umwälzungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die den Abrisswellen der BRD bis 1990 entzogen waren, verschwinden, sofern sie nicht neue Nutzungen gefunden haben, Jahr für Jahr zu Dutzenden. Die Verluste sind erheblich.

Mehr Schande als Fleck? Die Verachtung historischer Bausubstanz und die Ideologie der Moderne in Deutschland weiterlesen

Der Dadaismus des Blechschadens

Die große Retrospektive des Fotografen Arnold Odermatt in der Kunsthalle Erfurt

Arnold Odermatt wurde 1925 im Schweizer Kanton Nidwalden geboren und arbeitete zeit seines Berufslebens als Verkehrspolizist. Die seiner Profession zugehörige Aufgabe der Dokumentation von Unfällen nahm Odermatt allerdings so ernst, dass seine Bilder 2001 auf der Biennale in Venedig ausgestellt wurden. Seitdem diskutiert die Kunstwelt von Winterthur bis Chicago, wie es wohl sein könne, dass ein Polizist in der Ausübung seines Amtes Kunst schafft, obwohl er dies – nach eigener Aussage – gar nicht beabsichtigt habe.

© Urs Odermatt / Windisch
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Erzgebirge? Chemnitz?

Es ist wie immer alles anders als wir denken

// Mit dem Entdecken des eigenen Landes, im nahen wie im fernen, stirbt meist nicht nur ein Haufen dummer Vorurteile. Das Erkunden fremder Regionen und das Erspüren ihrer Unterschiede dient auch dem: zu begreifen, wie sehr wir alle bis heute durch die Erfahrungen unserer Vorfahren geprägt sind. Das kann ziemlich spannend sein. Das Erzgebirge, eine der dynamischsten Regionen des Ostens, war uns soeben erst ein besonders gutes Beispiel für beides.

Titelbild: Weihnachtsschmuck à la Erzgebirge, gesehen in Stollberg

Ich weiß, wovon ich rede. Ich komme ursprünglich aus München, einer Stadt, die sich selbst natürlich für den Mittelpunkt der Welt hält, und von der aus man gerne nach Süden schaut, gelegentlich nach Norden oder Westen, ganz selten aber in den Osten. Wer in München erzählt, er fahre ins Erzgebirge, zum Beispiel nach Chemnitz und nach Schneeberg, um dort Urlaub zu machen, gut zu essen und Ausstellungen zu besuchen, gilt als Scherzkeks. Erzgebirge?! Chemnitz?! Hallo?!

Nein, dieser Artikel soll kein Wessi-bashing werden, und auch kein Schönreden einer Region, in der die völkischen Angstmacher für Deutschland an die 30 Prozent erzielen.

Es geht darum, anhand eines kleinen 36-Stunden-Ausflugs, der uns stark beeindruckt hat, exemplarisch nachzuvollziehen, warum der Osten Deutschlands immer wieder und überall ein vor Überraschungen überquellendes Land ist. In diesem Fall das südwestliche Sachsen.

Wunderschön: Schneeberg vom Turm der Kirche St. Wolfgang gesehen
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Die Bachs, die Unstrut, das Welterbe und ich

// Wie ich auf einer Fastenwanderung durch die Fremde im eigenen Land nicht mehr zu entscheiden wußte, ob ich über den spürbaren Unwillen der Tourismusverantwortlichen, das Land aus der Perspektive des zeitgenössischen Reisenden zu betrachten, weinen oder glücklich sein sollte, und, während ich noch darüber nachsann, wie schön es ist, niemandem zu begegnen, mitten im 17. Jahrhundert landete und eine verwegene Idee von mir Besitz ergriff.

Die Burg Wendelstein beim Memleben. Keine Wegelagerer weit und breit

Von Erfurt unsere Arnstädter Gera hinunter nach Norden, durch das Erfurter Becken bis Sömmerda, sodann an der Unstrut entlang Richtung Naumburg, eine Woche hindurch versorgt nur mit Tee, klarer Gemüsebrühe und Wasser, so war es geplant. Aufgrund der großen Hitze schrumpfte die Reichweite zwar bis nach Laucha, dennoch hatte ich danach einen klaren, keineswegs nüchternen Blick auf meine inzwischen schon nicht mehr so neue Heimat. Schuld daran waren schier endlose Weizenfelder, drei Schlösser und ein Buch.

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Nationalismus oder Demokratie?

Plädoyer für eine andere Lesart ost- und westdeutscher Befindlichkeiten und Unverständigungen

© Jan Kobel

Die meisten Menschen verachten gerne. Je tiefer sie auf andere herabblicken können, desto höher fühlen sie sich selbst. Diese Verachtung gegen andere stärkt das eigenen Selbstbewußtsein. Dieser Wille, zu verachten, ist tief in der Menschenseele verankert.
Richard-Nikolaus Coudenhove-Kalergi, 1935

Manchmal verhält es mit kniffligen Problemen so, dass eine Lösung erst möglich wird, wenn man eine neue Perspektive einnimmt oder die Fragestellung umdreht. Vielleicht ist so ein Problem auch die Frage, die seit Jahren die deutsche Öffentlichkeit bewegt: Warum ticken die Menschen im Osten Deutschlands anders, als die in der alten BRD sozialisierten? Denn diese Frage unterstellt, dass die Wessis die Norm sind, und die Ossis die Abweichung.

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Mehr Licht und Vernetzung – auch für die Thüringer Industriekultur!

Das TRAFO in Jena. Hier kurbelt die Industriekultur.

Die Kleinstaaten haben Deutschland zum gebildetsten Lande der Welt gemacht. Jetzt aber sind sie nicht mehr möglich und müssen großen politischen Nothwendigkeiten weichen.
Wilhelm von Kügelgen, 1865

Dabei kann es nicht nur um die – rückblickende – museale Aufarbeitung und Präsentation dieser Industriegeschichte gehen. Es muss genauso darum gehen,  Industriekulturen an den Originalschauplätzen erlebbar und auffindbar zu machen und in neue Nutzungen zu bringen.

Referat vor dem Städtenetz SEHN in Bad Langensalza
vom 27. Juni 2018 / von Jan Kobel

Wer sich in Thüringen für Industriekultur oder für Projekte zur Umnutzung verfallender Industriearchitekturen interessiert, wird feststellen: In allen Städten und Winkeln des Landes entstehen nach und nach Initiativen, die versuchen, das INDUSTRIELLE ERBE zu bewahren oder durch Kunst und Musik, Büros und Werkstädten, Co-Working-Spaces oder Ladengeschäfte in einst industriell genutzte Räume wieder Leben zu bringen. Er wird aber auch feststellen: meist wissen diese nichts oder wenig voneinander, eine Kooperation findet kaum statt, und vor allem sind diese Projekte für Interessierte schwer aufzufinden. Mehr Licht und Vernetzung – auch für die Thüringer Industriekultur! weiterlesen

Was bleibt ist die Kunst.
Kunst am Bau der DDR.
40 Fotografien von Martin Maleschka


Willi Neubert, Halle Neustadt 1966, Foto: Martin Maleschka
Ausstellungseröffnung am 05. Juni 2018 um 18 Uhr
Terrassenwohnanlage Lohmühlenweg 31 / 99310 Arnstadt
Geöffnet Mo-Sa von 10 bis 16 Uhr nach telefonischer Anmeldung
unter 03628 61040

Martin Maleschka wurde 1982 in Eisenhüttenstadt geboren und studierte Architektur an der TU Cottbus. Er ist alt genug, um mit den Plattenbauten der DDR und ihren Fassadengestaltungen Kindheits-Erinnerungen zu verbinden, und zugleich jung genug, um der DDR- und Nachwende-Geschichte unvoreingenommen und distanziert begegnen zu können. Diese Mischung aus Distanz und Zuneigung prägt sein Werk. Was bleibt ist die Kunst.
Kunst am Bau der DDR.
40 Fotografien von Martin Maleschka
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Forum Rosengasse // Öffentliche Podiumsdiskussion für die Wiederbelebung des ehem. Bahnbetriebswerkes in Erfurt

Wir sagen Danke für die Unterstützung:
TMWWDG und Kristiane Schley von Transition Town Erfurt
 

Veranstaltungsprogramm:
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Download PDF Programm: Forum Rosengasse_Programm
Vorstudien zum Areal:
Download Studie TransitionTown: KulturWerkHallen_Text160222
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Analoge Stadt II: Stirbt die Stadt, stirbt die Gemeinschaft


An der Anzahl von Kindern und Alten auf den Straßen erkennt man, wie lebenswert eine Stadt ist
Jan Gehl / dänischer Stadtplaner

Rückbesinnung und Ausblick auf urbane Lebensräume im digitalen Zeitalter
Fünf Thesen


1_Was ist passiert?

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert
a_ der Bewegung raus aus der Stadt in die Suburbanität. Beispiel Gartenstadt und Siedlungen
b_ der Ablösung der Stadtplanung durch die Verkehrsplanung. Zerstörung der urbanen Strukturen
c_ des Übergangs vom handwerklichen zum industriellen Bauen. Verlust der lokalen Identität des Bauens
d_ des Verlustes einer sich einfügenden Architektur zugunsten einer exhibitionistischen Architektur der Avantgarde Analoge Stadt II: Stirbt die Stadt, stirbt die Gemeinschaft weiterlesen

Bauhaus des Volkes / Das „Haus des Volkes“ des Franz Itting (1875-1967)

Oben: streng rechter Winkel vom Stuhl bis in die Stahlbeton-Unterzüge sowie Vollverglasung: betonte Funktionalität im Restaurant des "Haus des Volkes"

Auf der niedrigsten Nord-Süd-Durchquerung des Thüringer Waldes, an der Grenze zu Franken, liegt Probstzella. Wie eine herrschaftliche Festung überragt ein ungewöhnliches Gebäude den kleinen Ort: das „Haus des Volkes“, errichtet und ausgestattet von den Bauhäuslern Alfred und Gertrud Arndt 1927.
Wie im Falle des Faguswerkes des Carl Benscheidt in Alfeld an der Leine verdanken wir dieses Zeugnis vom Aufbruch in die Moderne einem sozial und fortschrittlich eingestellten Unternehmer.

Bauhaus des Volkes / Das „Haus des Volkes“ des Franz Itting (1875-1967) weiterlesen

Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit

Das Fagus-Werk von Carl Benscheidt (1858–1947), Walter Gropius (1883-1969) und Adolf Meyer (1881-1929) im niedersächsischen Alfeld / Leine.
Zur Bildergalerie
Irgendwann zwischen 1908, als Arnold Schönberg mit seinem Zweiten Streichquartett Opus 10 dem Wiener Publikum das grandiose Vergnügen eines veritablen Skandals bereitete, und 1913, als Wladimir Malewitsch in St. Petersburg sein erstes Schwarzes Quadrat malte, muss er stattgefunden haben: der Urknall der Moderne. Unter Kaisern und Königen und deutlich noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Bahnwaage

Zwischen diesen beiden Terminen, im Jahre 1911, beauftragte der ehrgeizige Unternehmer Carl Benscheidt den jungen Architekten Walter Gropius, ihm auf der grünen Wiese an der Bahnstrecke von Hannover nach Bebra eine moderne Fabrikanlage für die Produktion von Schuhleisten zu errichten. Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit weiterlesen

Durchlauferhitzer für das Ende des Liberalismus: Donald Trump

Die meisten Menschen verachten gerne. Je tiefer sie auf andere herabblicken können, desto höher fühlen sie sich selbst. Diese Verachtung gegen andere stärkt das eigene Selbstbewusstsein.
Richard Coudenhove-Kalergi, 1935
Jan Kobel, 27. November 2016

 

Irgendwie erinnert mich die Wahl Trumps, wenngleich unter anderen Vorzeichen, an das Jahr 1989, dem Jahr der politischen Wende in Europa: das scheinbar Unmögliche war Realität geworden. Damals war es der freiwillige Abgang der SU, der uns zeigte, wie wenig wir tatsächlich begriffen hatten – über das Innenleben des Warschauer Paktes und eines Sozialismus mit dem seltsam stolzen Attribut „real“.

Zugleich waren wir überzeugt: Ohne die Sowjetunion als mächtige wirtschaftspolitische Alternative zu einer US-geprägten Weltordnung, ohne diese „negative Klammer“ des Westens, wird auch dieser Westen und mit ihm die NATO und die EU zerfallen. Die zentrifugalen antagonistischen Kräfte der nie überwundenen Nationalismen werden wieder die Oberhand gewinnen, die Welt wird wieder „normal“.

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Thüringen in der Selbstbewußtseinsfalle – reloaded

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Entdeckt in brand eins, November 2016

„Wenn du nicht brav bist, kommst Du ins Bauhaus!“– mit solchen Sprüchen drohten in den frühen 20er Jahren Weimarer Bürger Ihren Kindern. Das Bauhaus wurde zwar 1919 in Weimar gegründet, aber dem konservativen Weimar waren die avantgardistischen Ideen und der Lebenswandel der Bauhäusler stets suspekt. Fünf Jahre dauerte es, bis die Stadt Gropius und seine Schule den Geldhahn endgültig zugedreht und sie aus der Stadt geekelt hatte.

Richtig ist dennoch, dass man in Thüringen die Geschichte der ersten fünf Jahre des Bauhauses erleben kann, und mit ihm auch die Geschichte des Aufbruchs in die Moderne, in Weimar, Jena, Erfurt – oder auch Arnstadt. Und es ist auch richtig, für Thüringen damit zu werben.

Nichts geht in Thüringen ohne „New York City“

Aber es ist unglücklich, dass es dies stets auf eine Art und Weise versucht (wie schon bei den anderen Kampagnen-Motiven mit Eva Padberg, der Brooklyn Bridge oder einem Mercedes-Benz), die nicht mit den tatsächlichen Stärken dieses Landes wirbt, sondern damit, wiesehr vom Glanz anderer Länder und Städte (nun zum zweiten Mal New York) auch auf Thüringen etwas abfalle. Als würde die Lampe Wilhelm Wagenfelds erst dadurch zur Ikone – die sie zweifelsohne ist – , dass sie vor der Skyline von New York steht!
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Das Kampagnen-Motiv „Lampe vor Skyline“ ist letztlich peinlich, da sie sich nicht traut, selbstbewusst in den Fokus zu stellen, was in Thüringen tatsächlich zu erleben ist – an Wirtschaftskraft, Ingenieursgeist, an Kultur- und Baugeschichte. Sie ist deswegen auch kontraproduktiv, da jeder Leser natürlich sofort den Minderwertigkeitskomplex hinter diesem verkrampften Eigenlob spürt. Erst recht die Leser des Wirtschaftsmagazins brand eins.

Ein ausführlicher Artikel zu Kampagne des Thüringer Wirtschaftsministerium findet sich hier:

Das ist Thüringen – in der Selbstbewußtseinsfalle

ein tag im zeichen der klassischen moderne / milchhof arnstadt, 29. Juni 2016 / rückblick

Eine Veranstaltung in einem verfallenden Denkmal, gemeinsam getragen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und den Eigentümern – so lautete das experimentelle Konzept unter dem Motto bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne.
(zur Bildergalerie)
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Drei Objekte des Modernen Bauens, alle auf unterschiedlicher Weise in prekärem Zustand, waren Thema des Tages: der Wartburg-Pavillion von Günther Wehrmann in Eisenach, der Garagenbau von Alfred Arndt in Probstzella und der Milchhof Arnstadt von Martin Schwarz, das am meisten bedrohte Gebäude – und Gastgeber des Kolloquiums. Die zweite Hälfte des Tages war geprägt vom Thema bauhaus 2019 – und wie der Funktionalismus der Moderne gerade in städtebaulicher Sicht immer wieder dieselben Irrwege beschreitet. ein tag im zeichen der klassischen moderne / milchhof arnstadt, 29. Juni 2016 / rückblick weiterlesen

bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne / milchhof arnstadt, 29. juni 2016

Im Uhrzeigersinn von links oben: Ausstellungspavillon der Wartburg-Automobilwerke (Eisenach) von Günther Wehrmann (Foto: Archiv Horst Ihling), Garagenbau zum Haus des Volkes (Probstzella) von Alfred Arndt, Milchhof Arnstadt von Martin Schwarz (Fotos unbekannt).

Gemeinsam war Architekten, Planern und Künstlern im Staatlichen Bauhaus in Weimar und seinem Wirkungsfeld der gezielte Bruch mit den gestalterischen und sozialen Konventionen der in den grausamen Schlachten des Ersten Weltkrieges untergegangenen Welt.  Alle Tradition wurde in Frage gestellt, alles Gestalten auf Null gesetzt. Die Zeit der genossenschaftlichen Bewegungen im Wohnen, in der Produktion, im Gewerbe und in den Künsten begann. Die Gründung des Bauhauses 1919 in Weimar fokusierte und beschleunigte in einmaliger Art und Weise und international das, was wir heute Moderne nennen. bauhaus 2019 – denkmalpflege und die bauten der moderne / milchhof arnstadt, 29. juni 2016 weiterlesen

From London with Love

Kein Mensch hat hier von Thüringen gehört?
Das ließe sich ändern, denn verrückt auf Bach sind sie alle!

Aus London erreicht uns eine Anregung, die uns ganz aus der Seele spricht – und uns zu einer kleinen Fotomontage animiert hat:

„Hier in London hat kein Mensch je von Thüringen gehört! Wir waren in Arnstadt bei den Bachwochen und in Erfurt zu den Domstufenfestspielen – das war Weltklasse! Internationale Gäste habe ich aber keine gesehen. Warum nicht in der Londoner-U-Bahn werben oder einen Artikel mit Photos in ‚The Times‘ oder ‚The Guardian‘ veröffentlichen und die Leute einladen? Kommen werden sie garantiert!“

Fünf Gründe für die Platte …

Hinschauen oder wegschauen? Mit jedem abgerissenen Block – hier Leipzig 2007 – wächst die Erkenntnis, dass mehr verschwindet als ein paar Scheiben Beton.

„Seit Anfang der Moderne macht der Architekt erst einmal Tabula rasa, und setzt dann seine neuen Gebäude auf’s Grundstück. Mit diesem falschen Bild im Kopf leben wir noch“  Muck Petzet

… oder warum wir (auch) Plattenbauten nicht mehr abreißen sollten

Der Münchner Architekt Muck Petzet macht vor wenigen Jahren Schlagzeilen, als er auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 im Deutschen Pavillon seine architektonische Trias „Reduce, Reuse, Recycle“ präsentierte. Da wir Architektur teilweise wie ein Müllproblem behandeln, sollten wir die Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit auch auf das Bauen anwenden: Neubauten reduzieren, Altbauten umnutzen, Materialien weiterverwenden (Interview Muck Petzet / Detail / Oktober 2012).
Fünf Gründe für die Platte … weiterlesen

Chemnitz – auf der Suche nach der verlorenen Urbanität

Eine Leseempfehlung zum Thema Architektur, Städtebau und Stadtentwicklung ist der Artikel von Ulrich Hammerschmidt in der Freien Presse aus Chemnitz:
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/KULTUR/Die-Mauern-muessen-weg-artikel9450828.php.
(Ergänzung 06.03.2017: ARTIKEL LEIDER NICHT MEHR AUFFINDBAR!)
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Das Museum Gunzenhauser in Chemnitz verfügt über eine umfangreiche Sammlung der Klassischen Moderne – hier: Serge Poliakoff und Willi Baumeister (hinten) – und über eine passende Heimstadt: ein mit viel Respekt saniertes und umgebautes ehemaliges Sparkassengebäude von Fred Otto aus dem Jahre 1928.

Hammerschmidt schreibt über urbane Mauern, die die Verkehrsplanung der sechziger und siebziger Jahre errichtet hat und die moderne Architektur jetzt wieder errichtet, und notiert einige andere sehr richtige Beobachtungen, bezugnehmend auf den Architekten Alvar Aalto und den Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm.
Lustigerweise war ich erst wenige Monate zuvor in Chemnitz und lief genau die Straßenzüge und Gebäude ab, die Hammerschmidt hier beschreibt. Das brachte mich auf die Idee, jeweils ein Zitat mit meinen Chemnitzer Fotos zu kombinieren: Chemnitz – auf der Suche nach der verlorenen Urbanität weiterlesen

Das ist Thüringen – in der Selbstbewußtseinsfalle

Thühühüringen – David Bowie ist auch schon mal drüber geflogen!
Rainald Grebe auf youtube / 2004 

Es war 2005, wir hatten soeben erst die Thüringer Residenzstädte und Kulturlandschaften entdeckt und nach langer Suche unseren Lebensmittelpunkt in deren Mitte nach Arnstadt verlegt, als wir in einer Zeitung ein Interview mit einem Repräsentanten der Stadt Erfurt lasen, der den Satz sagte:
Die Stadt Erfurt hat ein Wahrnehmungsproblem. Das ist Thüringen – in der Selbstbewußtseinsfalle weiterlesen

Was ist Thüringen?Versuch einer Ortsbestimmung zwischen Bach und Bauhaus mit Neil MacGregor

Dankesrede von Dr. Jan Kobel anlässlich der Verleihung des Thüringer Förderpreises für Denkmalpflege 2015 an den Milchhof Arnstadt, gehalten in Schmalkalden am 12.09.2015
Titel: Johann Sebastian Bach in Arnstadt nach Bernd Göbel / Walter Gropius 1919, Fotografie von Louis Held, Quelle: wikipedia

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ende August fuhren meine Frau und ich abends nach Weimar, zu einem Vortrag von Neil MacGregor, dem Direktor des British Museums in London und designierten Chefkurator des neuen Humboldtforums in Berlin. Er sprach über das Geschichtsverständnis der Deutschen und über Deutschlands kulturelle Sonderstellung in Europa, und er sprach, wie nur ein Angelsachse über Deutschland sprechen kann – und darf: voller Bewunderung und Begeisterung. Was ist Thüringen?Versuch einer Ortsbestimmung zwischen Bach und Bauhaus mit Neil MacGregor weiterlesen

Die Thüringer Residenzstädte und ihre Hidden ChampionsNeue Publikation über die Arnstädter Wunderkammer

BQ1A9880Es ist ein neues Buch erschienen über das Arnstädter Schlossmuseum und seine Sammlungen, in einer kleinen Auflage in einer kleinen Edition, welches aber gerade deshalb umso mehr Lob verdient für die herausragende Qualität von Ausstattung, Text, Fotografie und Druck. Die Thüringer Residenzstädte und ihre Hidden ChampionsNeue Publikation über die Arnstädter Wunderkammer weiterlesen

Die neuen Chancen der Provinz // Viele kleine Städte haben die perfekte hardware, aber sie wissen es nicht

Provinz im heutigen deutschen Sprachgebrauch ist ein negativer Begriff – im logischen Sinne: Wer Provinz denkt, denkt automatisch das andere mit: Metropole. Und zwar als Maßstab. Provinz ist das Gegenteil davon, und das ist durchaus wertend gemeint. 
(Foto oben: documenta 2012 in Kassel) Die neuen Chancen der Provinz // Viele kleine Städte haben die perfekte hardware, aber sie wissen es nicht weiterlesen

Das schönste Museum der Welt / Das zweite Leben des Neuen Museums in Berlin

Rekonstruktion bedeutet Zerstörung 
David Chipperfield

Ein Essay über deutsche Denkmalpflege und Baukultur
Ausgerechnet in Deutschland und ausgerechnet inmitten der ehemaligen preußischen Hauptstadt ist ein über fünfzig Jahre bis zur piranesischen Ruine verfallenes klassizistisches Gebäude in einer Weise restauriert worden, die Maßstäbe setzt für den Umgang mit historischer Bausubstanz.
Deutsche Denkmalpfleger, Restauratoren, Architekten, Baustofflieferanten, Handwerker, Kirchenvereine und Bauherren, besucht das Neuen Museum in Berlin und lest die unglaubliche Geschichte seiner Wiedergeburt, der größten archäologischen Ausgrabung, die jemals an einem einzelnen Gebäude durchgeführt wurde.
Nie zuvor habe ich deutlicher begriffen, warum das, was in Deutschland bis heute unter „Sanierung“ firmiert, so oft Zerstörung bedeutet – von Originalsubstanz und Geschichte, von Schönheit und Lebensqualität –, und warum nichts so schön und anrührend ist wie das Fragment. Das schönste Museum der Welt / Das zweite Leben des Neuen Museums in Berlin weiterlesen

Bauhaus 2019 / Baudenkmal Milchhof ArnstadtArnstadts Beitrag zum Jubiläumsjahr 2019

"Bis heute ist das Bauhaus in seiner internationalen Ausprägung der wirkungsvollste und erfolgreichste Exportartikel von Kultur aus Deutschland im 20. Jahrhundert."

Aus der Pressemitteilung der Klassikstiftung Weimar vom 16.01.2015 anlässlich der Gründung des Verbundes von sieben Bundesländern und des Bundes zur Koordinierung des Bauhaus-Jubiläums 2019
"Wir haben ein Interesse daran, diesem Kleinod der Bauhaus-Bewegung den Platz zu geben, der ihm gebührt."
Der Leiter der Staatskanzlei und Thüringer Kulturminister Dr. Benjamin Immanuel Hoff über den Milchhof Arnstadt auf dem Thüringer Kulturforum in Arnstadt am 17.04.2015 / TA vom 18.04.2015

Vorbemerkung:

(Dieser Artikel spiegelt den Stand Sommer 2015 wieder. Die Entwicklungen rund um den Milchhof sind seit Oktober 2015 umfassend hier dokumentiert:
www.milchhof-arnstadt.de) Bauhaus 2019 / Baudenkmal Milchhof ArnstadtArnstadts Beitrag zum Jubiläumsjahr 2019 weiterlesen

Ibiza – die afrikanische Schwestervon Judith Rüber

Kommt man mit dem Flieger nach Ibiza, so sieht man zuerst die ausgedehnten geometrischen Becken der Salinen, umgeben von Feldern mit roter Erde, einigen Palmen und flachen, weißen kubischen Häusern. Wäre ein Seeadler vor 2700 Jahren auf der Insel gelandet, es hätte sich ihm ein ähnliches Bild geboten. Ibiza – die afrikanische Schwestervon Judith Rüber weiterlesen

Warum Dresden?Peter Richter und Durs Grünbein über ihre Heimatstadt Dresden

Foto oben: Merkel mit Kopftuch. Soweit sind wir gekommen!

Weil sie hier konservativer als sonst wo sind? Weil die CDU und Justiz in Sachsen zu Teilen wenig Berührungsängste und Verständnis für Rechtextreme haben? Weil sie Jahrzehnte im „Tal der Ahnungslosen“ lebten? Weil die Leipziger schon immer weltoffener waren? Oder ein wilder Mix aus all diesem?
Keine Ahnung. Warum Dresden?Peter Richter und Durs Grünbein über ihre Heimatstadt Dresden weiterlesen

Modernismus oder menschlicher Maßstab? Jan Gehl über die Fehler der Stadtplaner

Nun hat brand eins endlich das wunderbare Interview mit dem dänischen Stadtplaner Jan Gehl vom Dezemberheft 2014 (aufgezeichnet von Harald Willenbrock) freigeschalten. Der Mann ist 78 Jahre alt und hat zahlreiche internationale Metropolen beraten, wie sie mehr Lebensqualität in Ihre Straßenschluchten bringen.
Die Hauptaussage von Jan Gehl lautet:
Erst formen wir unsere Städte, dann formen sie uns. Modernismus oder menschlicher Maßstab? Jan Gehl über die Fehler der Stadtplaner weiterlesen

Proeuropäischer Separatismus? Karl-Markus Gauss über Briten, Schotten und Joschka Fischer

Neoliberalismus oder Untergang? Unter der Überschrift Der Hunger ist zurückgekehrt im Wiener Standard vom 02. Januar 2015 erweist sich Karl-Markus Gauss als eigenständiger Denker. So bedauert er, dass die Schotten nicht für ihre Unabhängigkeit stimmten, denn das wäre ein proeuropäisches Signal gewesen – gegen den britischen Anti-EU-Nationalismus, der, davon ist Gauss überzeugt, der EU nach einem Austritt Großbritanniens erhebliche Probleme machen wird. Für Gauss sind die eigentlichen Nationalisten die, die vor Nationalismus warnen, und umgekehrt Leute wie Alexis Tsipras vielleicht jene, die die Wege weisen zum Erhalt einer europäischen Einheit.

Das Wuppertal-Syndrom // Bürgerengagement als Störfaktor von Verwaltung

Nicht mehr ganz frisch, aber jetzt erst entdeckt und egal, weil zeitlos: eine sehr  freundliche brand-eins-Reportage von Peter Lau (Fünf Thesen über eine arme Stadt / Juli 2013) über sehr geduldige Aktivisten, Initianden und Bürgerprojektler in Wuppertal, die sich sehr, sehr freundlich über ihre Kommunalverwaltung äußern. Klar, was sollen sie auch anders tun?

Das geht zum Beispiel so:
Der Unternehmensberater Carsten Gerhardt (…) hatte die Idee, die rund 22 Kilometer lange (ehemalige Bahn-)Strecke zu einem Rad- und Wanderweg zu machen, fand Mitstreiter, gründete den Verein Wuppertal Bewegung e.V. und wandte sich an die Stadt. Die war begeistert. Theoretisch jedenfalls.

„Wir haben eine Machbarkeitsstudie geschrieben“, erzählt Gerhardt, „in der wir skizziert haben, was der Mehrwert der Trasse ist und welche Fördermittel möglich wären. Das Budget sollte zwischen 12 bis 16 Millionen Euro betragen. Wir haben sie der Stadt vorgestellt, aber die sagte, sie habe nicht die nötigen Eigenmittel – 20 Prozent der Fördersumme muss die Stadt selber aufbringen. Also haben wir Geld gesammelt: drei Millionen Euro in den ersten vier Monaten 2007.

Wuppertal ist nicht schön. Der Autogerecht-Wahn hat die Stadt nach dem Krieg hat die Stadt zerstört. Hin und wieder schöne 50er Jahre, wie hier.

Damit sind wir zur Stadt, aber die sagte, sie habe nicht die Kapazitäten, einen Förderantrag zu stellen. Also haben wir den Antrag selber geschrieben. Zwei von uns haben da viel Freizeit reingesteckt, außerdem hatten wir zwölf Ingenieure, die einzelne Bauwerke begutachtet haben. Im Mai 2008 kam die Zusage zur Förderbereitschaft.

Wir sind damit zur Stadt gegangen, aber die sagte, sie könne den Bau nicht durchführen, weil sie keine Kapazitäten habe. Da haben wir die Wuppertaler Nordbahntrassen GmbH gegründet, eine gemeinnützige Gesellschaft, die die Trasse bauen, 20 Jahre betreiben und die Stadt von allen Pflichten freistellen sollte. Im April und Mai 2010 haben wir zwei, zweieinhalb Kilometer fertiggestellt.

Danach hat die Stadt das Projekt an sich gezogen.“ Die Begründung: Vorschriften wurden nicht eingehalten, auch förderrechtlich sei nicht alles ordentlich gelaufen. (brand eins / 07.2013 / S. 143)

Lieber Peter Lau, liebe brand-eins-Redaktion, DANKE! Dieser Artikel öffnet uns die Augen: wir haben es  in Deutschland mit einem stereotypen destruktiven Verhaltensmuster, einem autoritären Syndrom zu tun! Und dank dieses Artikels und dank der famosen Wuppertaler Bürger nenne ich dieses Syndrom ab heute das Wuppertal-Syndrom!

Bis heute faszinierend: die Schwebebahn. Einmalig.

Dieses geht – ich darf das jetzt mal sagen, ich wohne ja nicht in Wuppertal und schreibe auch nicht darüber in einem angesehenen Magazin – ziemlich genau so:

Das Wuppertal-Syndrom // Bürgerengagement als Störfaktor von Verwaltung weiterlesen

Quinquennale Analoge Stadt Leben in die Provinz!

Ein Projekt für Arnstadt und die Europäische Stadt 2019 / 24 / 29 ff

„Nur der Stadtbürger ist Staatsbürger“
Alexander Mitscherlich / Die Unwirtlichkeit unserer Städte


Gliederung:
Die Idee:
Die Leerstände der Stadt als Bühne eines internationalen Dialogs zwischen Kunst, städtischem Raum, Bürgern und Besuchern
Das Problem:
Viele Kleinstädte stagnieren – warum?
Der Musterfall:
Arnstadt in Thüringen
Die Perspektive:
Soft gentrification als (Teil von) Wirtschaftspolitik
Das Projekt:
Die Analoge Stadt – Kristallisationskeim für eine lebendige Stadt
Quinquennale Analoge Stadt Leben in die Provinz! weiterlesen

Ich sehe nur Aggression Oliver Decker zur Pegida

Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier!
(aus: Asterix / Das Geschenk des Cäsar)

Die Angst des Dogenpalastes vor den Muselmanen, gesehen von Monet / Brooklyn Museum of Art 2012
Die Angst des Dogenpalastes vor den Muselmanen, gesehen von Monet / Brooklyn Museum of Art 2012

In einem Interview des Deutschlandfunks vom 15.12.2014 mit dem Leipziger Soziologen Oliver Decker über die Pegida-Demonstrationen sagte dieser folgenden Satz:
„Ich halte nicht viel davon, hier von Sorgen und Ängsten zu sprechen, denn was ich sehe ist Aggression.“ Ich sehe nur Aggression Oliver Decker zur Pegida weiterlesen

Die Hipster-Lemminge Felix Rohrbeck in der ZEIT über Provinzflucht

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Die synchronisierte Individualität des Nagels, interpretiert von Günter Uecker / Kunsthalle Baden-Baden 2010

Sie hassen die Provinz – so lautet ein Artikel von Felix Rohrbeck in der ZEIT vom 25. September 2014. Der Artikel beschreibt und belegt empirisch ein Phänomen innerdeutscher Mobilität der 20 bis 35-Jährigen, das es so noch nie gegeben hat: immer weniger ist demnach die Perspektive eines Arbeitsplatzes und dessen Bezahlung handlungsleitend, immer mehr dagegen jene Lebensqualität, die nur die angesagten Quartiere der Metropolen bieten können.
Die Hipster-Lemminge Felix Rohrbeck in der ZEIT über Provinzflucht weiterlesen

New York City 2012 // Protokoll einer unvermeidlichen Reise

Dieser Beitrag ist auch hier als PDF zum Download erhältlich.

Ich war noch nie in New York. Judith auch nicht. Kurz vor meinem 50. Geburtstag beschlossen wir, dass das nicht so bleiben könne. Eine Stadt, die alle für den Mittelpunkt der Welt halten, und deren New York Times in Sachen Journalismus die Maßstäbe setzt, wollten wir zumindest einmal erlebt haben.
New York City 2012 // Protokoll einer unvermeidlichen Reise weiterlesen