Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit

Das Fagus-Werk von Carl Benscheidt (1858–1947), Walter Gropius (1883-1969) und Adolf Meyer (1881-1929) im niedersächsischen Alfeld / Leine.

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Irgendwann zwischen 1908, als Arnold Schönberg mit seinem Zweiten Streichquartett Opus 10 dem Wiener Publikum das grandiose Vergnügen eines veritablen Skandals bereitete, und 1913, als Wladimir Malewitsch in St. Petersburg sein erstes Schwarzes Quadrat malte, muss er stattgefunden haben: der Urknall der Moderne. Unter Kaisern und Königen und deutlich noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Bahnwaage

Zwischen diesen beiden Terminen, im Jahre 1911, beauftragte der ehrgeizige Unternehmer Carl Benscheidt den jungen Architekten Walter Gropius, ihm auf der grünen Wiese an der Bahnstrecke von Hannover nach Bebra eine moderne Fabrikanlage für die Produktion von Schuhleisten zu errichten.

Uns Nachgeborenen erscheint es heute als ein großes Glück, dass Herr Benscheidt in Schuhleisten machte. Denn erstens waren Schuhleistenfabriken aus der Sicht der Alliierten im Zweiten Weltkrieg kein primäres Bombenziel, zweitens kann man auch bei der Produktion eines modernen Nike-Sportschuhs nicht auf den Leisten verzichten, und drittens ist der Leisten selbst bei aller Digitalisierung ein immer noch stark handwerklich geprägtes Produkt.

Leisten für Pumps: Buche als Prototyp, Polypropylen als Serie

So existiert die von Gropius und seinem Studienkollegen Meyer geplante und ausgeführte Werkanlage bis heute – wir schreiben das Jahr 2017 der Globalisierung – als eine Fabrik, in der als sei nichts gewesen jeden Tag Schuhleisten fabriziert werden – wenngleich nicht mehr nur aus Buchenholz, sondern auch aus grellgrünem Kunststoff. Ein Bau der Klassischen Moderne, bei dem, wie bei den späteren Bauhäuslern so üblich, vom Farbenspiel der Klinkerfassade bis zu den Türgriffen an den Bürotüren alles von den Architekten höchstselbst durchgestaltet war.

Treppenhaus Südwest

Genau so – von kleineren Anpassungen an die Erfordernisse eines aktualisierten Produktionsprozesses abgesehen – präsentiert sich das Fagus-Werk bis heute – als funktionierende Fabrik und lebendiges Denkmal, das ausserhalb des Stroms der Zeit zu stehen scheint. Keine Erweiterungen, keine Abrisse, keine Umbauten. Ausserhalb der Zeit zu stehen scheinen auch die Mitarbeiter des Werkes, die uns an einem Januarsonntag mit freundlicher Gelassenheit willkommen heißen und bereitwillig alle Türen öffnen, als seien wir Freunde der Familie.

Ein Besuch im Fagus-Werk in Alfeld / Leine ist ein irreales Erlebnis. Es ist richtig und gut, dass das Werk von der UNESCO seit 2011 zum Weltkulturerbe gezählt wird. Man sollte es besuchen, bevor es im Jahre 2019, dem 100. Geburtstag des Bauhauses und dem jeweils 50. Todestag von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe mit der Ruhe in Alfeld an der Leine vorbei sein dürfte.

1911: Mobilität heißt Eisenbahn

Man kennt das Foto: der Treppenhauskasten des Vestibüls mit Uhr und der vielgerühmten Vorhangfassade bestimmt die Ikonographie des Fagus-Werkes. Was wir jedoch auf unserer Führung über das Gelände als erstes lernen, ist dass es sich bei dieser strassenseitigen Ansicht um die Rückseite der Anlage handelt.

Benscheidt beauftragte Gropius mit einer Werkanlage, deren Logistik über die Bahn funktionierte und deren Fassade die täglich in den Zügen Vorbeireisenden beeindrucken sollte. 1911 war das Auto noch ein luxuriöser Freizeitspaß – und noch lange kein Massentransport- oder Verkehrsmittel. Erst 1911 erschienen die ersten Automobile, die nicht mehr kraftraubend und gefährlich mit der Handkurbel angeworfen werden mussten; ein Amerikaner hatte den elektrischen Anlasser erfunden. Erst 1911 startete die Erfolgsgeschichte des Automobils.

Anblick und erster Eindruck – Fassaden nach Südwest

Das Fagus-Werk wurde errichtet mit Ausrichtung nach Osten, mit dem Auto nähern wir uns ihm heute aber von Westen – und somit von hinten. Man spürt es subkutan: der hier fehlende Schriftzug, der doch so typisch ist für die Bauten der Moderne; die seltsam zur nördlich gelegenen Produktionshalle hin abbrechende Asymmetrie der Westfassade; der erste Blick ausgerechnet auf die schmalste Seite des Hauptgebäudes.

Carl Benscheidt und Walter Gropius wollten beeindrucken. Nicht nur durch eine avantgardistische Architektur, auch durch einen Anschein von Größe, die in Wirklichkeit gar nicht gegeben war. Die Schaufassade des Werkes erzeugte den Anschein einer großen Kubatur. In Wirklichkeit handelte es sich um einen schmalen, L-förmigen Riegel für die Verwaltung des Werkes, gerade mal so tief wie ein Büroraum und ein Gang zusammengenommen.

Prachtfassade nach Nordost: der Anblick von vorbeifahrenden Zügen aus …
… und von oben/hinten: ein zartes L suggeriert Bauvolumen. Verdeckt dahinter mit schrägen Oberlichtern die Produktionshalle
Vorhangfassade Treppenhaus Südecke

Die Haupt- und Ost-Fassade des Gebäudes mit dem in einer gesperrten Futura gesetzten F A G U S  –  W E R K, den lichten Fenster-Ecken und der strengen, mehr horizontal als vertikal ausgerichteten Geometrie beeindruckt durch eine zeitlose Eleganz.

Dass Gropius und Meyer nicht, wie bei der noch einige Jahre vor dem Fagus-Werk entstandene Spielzeugfabrik von Margarete Steiff in Gingen an der Brenz (1903) geschehen, das Gebäude komplett in Glas hüllten, mag man als mangelnde Radikalität bewerten.

Westfassade mit kippenden Pilonen und Schriftzug. Wann wurde aus den „Carl“ ein „Karl“?

Zugleich erscheint das durch den Wechsel von spiegelndem Glas, grauem Metall und gelbem Klinker gegebene Form-, Linien- und Farbenspiel aber als Ausdruck eines Gestaltungswillen – zu einem kontrastierendem Spiel von Warm und Kalt der Farben, von Einheit und Vielfalt der Formen und zu einem bis heute gültigen Klassiker, der Trilogie von Glas, Metall und Stein. Gerade hierin zeigt sich die Klasse von Gropius und Meyer: das technisch Machbare ordnet sich der Gestaltung unter, nicht umgekehrt.

AEG-Turbinenhall von Peter Behrens (1909) mit sich nach oben verjüngenden Ecksäulen

Dabei wurden wir auf der Führung um das Gebäude auf ein Fassaden-Detail aufmerksam gemacht, das leicht übersehen werden kann. Die gemauerten schmalen Pilonen zwischen den Fensterfeldern des dreigeschossigen Gebäudes fallen nach oben um etwa 30 cm aus dem Lot zurück.

Ein Gestaltungselement, das Gropius und Meyer aus Ihrer gemeinsamen Zeit im Büro von Peter Behrens in Berlin gekannt haben dürften und das gerade erst zwei Jahre zuvor bei der AEG-Turbinenhalle in Moabit Anwendung gefunden hatte. In Alfeld bricht diese Neigung des Mauerwerks die besondere Strenge der Geometrie etwas auf und zitiert eine Konstante der Architekturgeschichte: die Verjüngung und Verschlankung des Bauwerkes nach oben.

Fugenbild Hauptgebäude

Schließlich der Klinkerstein. Angeblich eine von den Architekten bewußt gewählte Aussortierung aus einer nah gelegenen Ziegelei. Das heißt Ziegelsteine, die aufgrund zu großer Farbabweichungen der Steine untereinander als zweite Wahl günstig zu erwerben waren.

Falls es stimmt, dass bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutsche Bauherren Lieferungen von Ziegeleien ablehnten, wenn die Dachpfannen oder Sichtklinker ein natürliches Farbenspiel oder andere brennspezifische Unregelmäßigkeiten aufwiesen (anstatt sich daran zu erfreuen), dann wären zwar die Moderne, Gropius und das Bauhaus freigesprochen von der Schuld an diesem rein deutschen Wahnsinn. Falls es stimmt.

Umso mehr müsste man sich dann allerdings Sorgen machen über eine Art preussisch-germanischen Gen-Defekt im bauenden und planenden Volkskörper, der sich schließlich im 20. Jahrhundert immer stärker Bahn brach und der heute verantwortlich wäre für die Fassaden-Plastifizierungern unserer Städte, die Hässlichkeit deutscher Dacheindeckungen und die sterilen Trockenbau-Verblendungen unserer Wohnungen.

Wie auch immer: der warmgelbe Klinker der Fagus-Fassade schimmert wunderbar in vielen zarten Schattierung Richtung weißlich, rötlich und grünlich und gibt der Fassade Leben und Tiefe. Wenngleich vermutlich bereits industriell hergestellt, hat dieser Klinker nichts mit der aseptischen Hygiene und Monotonie eines modernen DIN-gerechten Fassadenklinkers gemein.

Es werde Licht – auch im Treppenhaus

Treppenhaus SW: scheinbar schwebend vor der über Eck laufenden Vorhangfassade aus Glas

Betritt man das Gebäude, seien es die Treppenhäuser der Verwaltung oder die Produktionshalle, fällt die großzügige Belichtung mit Tageslicht auf. Das Treppenhaus an der SW-Ecke schwebt sozusagen vor den beiden vorgehängten Eck-Fensterfonten, das Treppenhaus an der Westseite ist zur Außenwand hin ebenfalls voll verglast. Die einheitliche und schmucklose weisse Wandfassung unterstützt den Lichteinfall.

Blechverkleidete Türe mit Nietenmuster als Haupteingangstüre auf der Rückseite

Nicht so richtig überzeugend, zumindest seltsam das Vestibül, der Vorraum zum Eck-Treppenhaus an der rückseitigen Fassadenfront. Hier befindet sich die einzige Eingangstür der gesamten Anlage, die nicht als Industrietüre, sondern als Schmucktüre mit Dekor ausgeführt ist. Interessant, dass die Planer für die Schauseite von Osten her gar keine Eingangstür geplant hatten. Als störe jedes Portal die strenge Grafik der modernen Fassade.

Diese Türe führt nicht in die Produktion, sondern zur Verwaltung über ein kleines Foyer, das selbst fensterlos und dunkel ist und seltsam kontrastiert zum lichtdurchfluteten Treppenhaus, zu dem es übergeht. Hier finden sich Wandfassungen, die an den Art Deco erinnern. Da die Verwaltung ausschließlich in den beiden Obergeschossen sitzt,  gibt es aus diesem „Schmuckraum“ auch keinen Durchgang ins Erdgeschoss. Das Vestibül wirkt seltsam gefangen und inkonsequent. Eine Reminiszenz an vergangene Zeiten?

Produktionshalle mit Abendsonne im Januar
Versandhalle

Ganz in weiss gehalten wiederum die Fertigungsräume, durch großflächige Oberlichter von Ost und eine vollverglaste Fassade von West gut belichtet. Irgendwo scheint hier immer die Sonne rein – wenn sie scheint. Ähnliche Lichtsituationen in der Schmiede oder im Raum für Verpackung und Versand.

Wo früher Leistenrohlinge trockneten, ist heute Geschichte dokumentiert

Das größte und höchste Gebäude der Werkanlage ist interessanterweise weder die Produktionshalle noch der Verwaltungsbereich, sondern das hellgrau verputze Lagerhaus für die Unmengen von Buchenholz-Rohlingen, die vor der Bearbeitung zum Leisten gut zwei Jahre trocknen mußten. Das Lagerhaus, nördlich gelegen,  knüpft in auffälliger Weise nicht an die Formen und Farben der zahlreichen gelb verklinkerten Gebäude des Werkes an. Man könnte auf den ersten Blick denken, es sei später hinzugekommen oder habe mit dem Werk nichts zu tun. Dem ist aber nicht so. Es wurde wie alles andere vom Büro Gropius gezeichnet.

Im Dachgeschoss des ehem. Lagerhauses, heute Museum

Das Lagerhaus wurde als Fachwerk-Konstruktion ausgeführt, mit luftigen Latten-Böden über fünf Etagen und einem Aufzug. Heute, wo Buchenholz nur noch in geringeren Mengen für die Prototypen verwendet wird, und die Trocknung der Hölzer maschinell geschieht, hat die Halle diese Nutzung verloren.

Auf den zweiten Blick erschließt sich so auch die ganz andere Ästhetik der Lagerhalle. Sie war kein Raum, in dem sich Menschen dauerhaft aufhielten, sie musste in der Lage sein, viel Feuchtigkeit aufzunehmen und auch wieder abzugeben und sie musste als großes Gebäude mit minimalen Kosten realisierbar sein. All das sprach für eine Holzkonstruktion mit wenigen Fenstern. Der graue Putz unterstreicht die Sonderrolle dieses Gebäudes innerhalb der Werkanlage. Form follows function.

Hier wurden einst die Leistenrohlinge gelagert und getrocknet

Heute beherbergt das riesige Fachwerkhaus zahlreiche Ausstellungen und ein Dokumentationszentrum, durch das es sich sehr gut wandeln läßt. Von den Lebensläufen der Protagonisten über den Bau des Fagus-Werkes, von der Anfertigung eines Leistens bis zur Geschichte desselben, von der Produktpalette der Firma Fagus-GreCon bis zur Kulturgeschichte des Schuhs als Modeartikel ist hier vieles anschaulich und mit gut geschriebenen Texten erläutert.

Das Fagus-Werk hatte nicht nur das Glück, dass Carl Benscheid in Leisten machte. Es hat auch das Glück, dass die Erben des Erbauers das Unternehmen nicht nur bis heute erfolgreich weiterführen, sondern sich dabei offensichtlich auch der kulturgeschichtlichen Bedeutung dieses Gesamtkunstwerkes mit all seinen vielen kleinen Details bewusst sind.

So kann man in Alfeld/Leine eine Werkanlage aus Wilhelminischer Zeit besichtigen, die in ihrer Formensprache, in ihrer Nutzung und in ihrem Zustand nicht zu altern scheint und ziemlich überzeugend den Anspruch der Moderne untermauert, jenseits aller Moden zeit- und stillos zu sein. Der Verzicht auf Kunsthandwerk, die Konzentration auf den Kubus und die Reduktion der Gestaltung auf (zartes) Farbenspiel und Proportion – vieles spricht dafür, dass diese Formprinzipien in der Architektur der Zukunft weiter gelten werden.

Aller Postmoderne zum Trotz.

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