Erzgebirge? Chemnitz?

Es ist wie immer alles anders als wir denken

// Mit dem Entdecken des eigenen Landes, im nahen wie im fernen, stirbt meist nicht nur ein Haufen dummer Vorurteile. Das Erkunden fremder Regionen und das Erspüren ihrer Unterschiede dient auch dem: zu begreifen, wie sehr wir alle bis heute durch die Erfahrungen unserer Vorfahren geprägt sind. Das kann ziemlich spannend sein. Das Erzgebirge, eine der dynamischsten Regionen des Ostens, war uns soeben erst ein besonders gutes Beispiel für beides.

Titelbild: Weihnachtsschmuck à la Erzgebirge, gesehen in Stollberg

Ich weiß, wovon ich rede. Ich komme ursprünglich aus München, einer Stadt, die sich selbst natürlich für den Mittelpunkt der Welt hält, und von der aus man gerne nach Süden schaut, gelegentlich nach Norden oder Westen, ganz selten aber in den Osten. Wer in München erzählt, er fahre ins Erzgebirge, zum Beispiel nach Chemnitz und nach Schneeberg, um dort Urlaub zu machen, gut zu essen und Ausstellungen zu besuchen, gilt als Scherzkeks. Erzgebirge?! Chemnitz?! Hallo?!

Nein, dieser Artikel soll kein Wessi-bashing werden, und auch kein Schönreden einer Region, in der die völkischen Angstmacher für Deutschland an die 30 Prozent erzielen.

Es geht darum, anhand eines kleinen 36-Stunden-Ausflugs, der uns stark beeindruckt hat, exemplarisch nachzuvollziehen, warum der Osten Deutschlands immer wieder und überall ein vor Überraschungen überquellendes Land ist. In diesem Fall das südwestliche Sachsen.

Wunderschön: Schneeberg vom Turm der Kirche St. Wolfgang gesehen
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Forum Rosengasse // Öffentliche Podiumsdiskussion für die Wiederbelebung des ehem. Bahnbetriebswerkes in Erfurt

Wir sagen Danke für die Unterstützung:
TMWWDG und Kristiane Schley von Transition Town Erfurt
 

Veranstaltungsprogramm:
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Vorstudien zum Areal:
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Bauhaus des Volkes / Das „Haus des Volkes“ des Franz Itting (1875-1967)

Oben: streng rechter Winkel vom Stuhl bis in die Stahlbeton-Unterzüge sowie Vollverglasung: betonte Funktionalität im Restaurant des "Haus des Volkes"

Auf der niedrigsten Nord-Süd-Durchquerung des Thüringer Waldes, an der Grenze zu Franken, liegt Probstzella. Wie eine herrschaftliche Festung überragt ein ungewöhnliches Gebäude den kleinen Ort: das „Haus des Volkes“, errichtet und ausgestattet von den Bauhäuslern Alfred und Gertrud Arndt 1927.
Wie im Falle des Faguswerkes des Carl Benscheidt in Alfeld an der Leine verdanken wir dieses Zeugnis vom Aufbruch in die Moderne einem sozial und fortschrittlich eingestellten Unternehmer.

Bauhaus des Volkes / Das „Haus des Volkes“ des Franz Itting (1875-1967) weiterlesen

Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit

Das Fagus-Werk von Carl Benscheidt (1858–1947), Walter Gropius (1883-1969) und Adolf Meyer (1881-1929) im niedersächsischen Alfeld / Leine.
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Irgendwann zwischen 1908, als Arnold Schönberg mit seinem Zweiten Streichquartett Opus 10 dem Wiener Publikum das grandiose Vergnügen eines veritablen Skandals bereitete, und 1913, als Wladimir Malewitsch in St. Petersburg sein erstes Schwarzes Quadrat malte, muss er stattgefunden haben: der Urknall der Moderne. Unter Kaisern und Königen und deutlich noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Bahnwaage

Zwischen diesen beiden Terminen, im Jahre 1911, beauftragte der ehrgeizige Unternehmer Carl Benscheidt den jungen Architekten Walter Gropius, ihm auf der grünen Wiese an der Bahnstrecke von Hannover nach Bebra eine moderne Fabrikanlage für die Produktion von Schuhleisten zu errichten. Real existierender Mythos der Zeitlosigkeit weiterlesen

Fünf Gründe für die Platte …

Hinschauen oder wegschauen? Mit jedem abgerissenen Block – hier Leipzig 2007 – wächst die Erkenntnis, dass mehr verschwindet als ein paar Scheiben Beton.

„Seit Anfang der Moderne macht der Architekt erst einmal Tabula rasa, und setzt dann seine neuen Gebäude auf’s Grundstück. Mit diesem falschen Bild im Kopf leben wir noch“  Muck Petzet

… oder warum wir (auch) Plattenbauten nicht mehr abreißen sollten

Der Münchner Architekt Muck Petzet macht vor wenigen Jahren Schlagzeilen, als er auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 im Deutschen Pavillon seine architektonische Trias „Reduce, Reuse, Recycle“ präsentierte. Da wir Architektur teilweise wie ein Müllproblem behandeln, sollten wir die Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit auch auf das Bauen anwenden: Neubauten reduzieren, Altbauten umnutzen, Materialien weiterverwenden (Interview Muck Petzet / Detail / Oktober 2012).
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Chemnitz – auf der Suche nach der verlorenen Urbanität

Eine Leseempfehlung zum Thema Architektur, Städtebau und Stadtentwicklung ist der Artikel von Ulrich Hammerschmidt in der Freien Presse aus Chemnitz:
http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/KULTUR/Die-Mauern-muessen-weg-artikel9450828.php.
(Ergänzung 06.03.2017: ARTIKEL LEIDER NICHT MEHR AUFFINDBAR!)
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Das Museum Gunzenhauser in Chemnitz verfügt über eine umfangreiche Sammlung der Klassischen Moderne – hier: Serge Poliakoff und Willi Baumeister (hinten) – und über eine passende Heimstadt: ein mit viel Respekt saniertes und umgebautes ehemaliges Sparkassengebäude von Fred Otto aus dem Jahre 1928.

Hammerschmidt schreibt über urbane Mauern, die die Verkehrsplanung der sechziger und siebziger Jahre errichtet hat und die moderne Architektur jetzt wieder errichtet, und notiert einige andere sehr richtige Beobachtungen, bezugnehmend auf den Architekten Alvar Aalto und den Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm.
Lustigerweise war ich erst wenige Monate zuvor in Chemnitz und lief genau die Straßenzüge und Gebäude ab, die Hammerschmidt hier beschreibt. Das brachte mich auf die Idee, jeweils ein Zitat mit meinen Chemnitzer Fotos zu kombinieren: Chemnitz – auf der Suche nach der verlorenen Urbanität weiterlesen

Das schönste Museum der WeltDas zweite Leben des Neuen Museums in Berlin

Rekonstruktion bedeutet Zerstörung 
David Chipperfield

Ein Essay über deutsche Denkmalpflege und Baukultur
Ausgerechnet in Deutschland und ausgerechnet inmitten der ehemaligen preußischen Hauptstadt ist ein über fünfzig Jahre bis zur piranesischen Ruine verfallenes klassizistisches Gebäude in einer Weise restauriert worden, die Maßstäbe setzt für den Umgang mit historischer Bausubstanz.
Deutsche Denkmalpfleger, Restauratoren, Architekten, Baustofflieferanten, Handwerker, Kirchenvereine und Bauherren, besucht das Neuen Museum in Berlin und lest die unglaubliche Geschichte seiner Wiedergeburt, der größten archäologischen Ausgrabung, die jemals an einem einzelnen Gebäude durchgeführt wurde.
Nie zuvor habe ich deutlicher begriffen, warum das, was in Deutschland bis heute unter „Sanierung“ firmiert, so oft Zerstörung bedeutet – von Originalsubstanz und Geschichte, von Schönheit und Lebensqualität –, und warum nichts so schön und anrührend ist wie das Fragment. Das schönste Museum der WeltDas zweite Leben des Neuen Museums in Berlin weiterlesen

Bauhaus 2019 / Baudenkmal Milchhof ArnstadtArnstadts Beitrag zum Jubiläumsjahr 2019

"Bis heute ist das Bauhaus in seiner internationalen Ausprägung der wirkungsvollste und erfolgreichste Exportartikel von Kultur aus Deutschland im 20. Jahrhundert."

Aus der Pressemitteilung der Klassikstiftung Weimar vom 16.01.2015 anlässlich der Gründung des Verbundes von sieben Bundesländern und des Bundes zur Koordinierung des Bauhaus-Jubiläums 2019
"Wir haben ein Interesse daran, diesem Kleinod der Bauhaus-Bewegung den Platz zu geben, der ihm gebührt."
Der Leiter der Staatskanzlei und Thüringer Kulturminister Dr. Benjamin Immanuel Hoff über den Milchhof Arnstadt auf dem Thüringer Kulturforum in Arnstadt am 17.04.2015 / TA vom 18.04.2015

Vorbemerkung:

(Dieser Artikel spiegelt den Stand Sommer 2015 wieder. Die Entwicklungen rund um den Milchhof sind seit Oktober 2015 umfassend hier dokumentiert:
www.milchhof-arnstadt.de) Bauhaus 2019 / Baudenkmal Milchhof ArnstadtArnstadts Beitrag zum Jubiläumsjahr 2019 weiterlesen

Ibiza – die afrikanische Schwestervon Judith Rüber

Kommt man mit dem Flieger nach Ibiza, so sieht man zuerst die ausgedehnten geometrischen Becken der Salinen, umgeben von Feldern mit roter Erde, einigen Palmen und flachen, weißen kubischen Häusern. Wäre ein Seeadler vor 2700 Jahren auf der Insel gelandet, es hätte sich ihm ein ähnliches Bild geboten. Ibiza – die afrikanische Schwestervon Judith Rüber weiterlesen

Das Wuppertal-Syndrom // Bürgerengagement als Störfaktor von Verwaltung

Nicht mehr ganz frisch, aber jetzt erst entdeckt und egal, weil zeitlos: eine sehr  freundliche brand-eins-Reportage von Peter Lau (Fünf Thesen über eine arme Stadt / Juli 2013) über sehr geduldige Aktivisten, Initianden und Bürgerprojektler in Wuppertal, die sich sehr, sehr freundlich über ihre Kommunalverwaltung äußern. Klar, was sollen sie auch anders tun?

Das geht zum Beispiel so:
Der Unternehmensberater Carsten Gerhardt (…) hatte die Idee, die rund 22 Kilometer lange (ehemalige Bahn-)Strecke zu einem Rad- und Wanderweg zu machen, fand Mitstreiter, gründete den Verein Wuppertal Bewegung e.V. und wandte sich an die Stadt. Die war begeistert. Theoretisch jedenfalls.

„Wir haben eine Machbarkeitsstudie geschrieben“, erzählt Gerhardt, „in der wir skizziert haben, was der Mehrwert der Trasse ist und welche Fördermittel möglich wären. Das Budget sollte zwischen 12 bis 16 Millionen Euro betragen. Wir haben sie der Stadt vorgestellt, aber die sagte, sie habe nicht die nötigen Eigenmittel – 20 Prozent der Fördersumme muss die Stadt selber aufbringen. Also haben wir Geld gesammelt: drei Millionen Euro in den ersten vier Monaten 2007.

Wuppertal ist nicht schön. Der Autogerecht-Wahn hat die Stadt nach dem Krieg hat die Stadt zerstört. Hin und wieder schöne 50er Jahre, wie hier.

Damit sind wir zur Stadt, aber die sagte, sie habe nicht die Kapazitäten, einen Förderantrag zu stellen. Also haben wir den Antrag selber geschrieben. Zwei von uns haben da viel Freizeit reingesteckt, außerdem hatten wir zwölf Ingenieure, die einzelne Bauwerke begutachtet haben. Im Mai 2008 kam die Zusage zur Förderbereitschaft.

Wir sind damit zur Stadt gegangen, aber die sagte, sie könne den Bau nicht durchführen, weil sie keine Kapazitäten habe. Da haben wir die Wuppertaler Nordbahntrassen GmbH gegründet, eine gemeinnützige Gesellschaft, die die Trasse bauen, 20 Jahre betreiben und die Stadt von allen Pflichten freistellen sollte. Im April und Mai 2010 haben wir zwei, zweieinhalb Kilometer fertiggestellt.

Danach hat die Stadt das Projekt an sich gezogen.“ Die Begründung: Vorschriften wurden nicht eingehalten, auch förderrechtlich sei nicht alles ordentlich gelaufen. (brand eins / 07.2013 / S. 143)

Lieber Peter Lau, liebe brand-eins-Redaktion, DANKE! Dieser Artikel öffnet uns die Augen: wir haben es  in Deutschland mit einem stereotypen destruktiven Verhaltensmuster, einem autoritären Syndrom zu tun! Und dank dieses Artikels und dank der famosen Wuppertaler Bürger nenne ich dieses Syndrom ab heute das Wuppertal-Syndrom!

Bis heute faszinierend: die Schwebebahn. Einmalig.

Dieses geht – ich darf das jetzt mal sagen, ich wohne ja nicht in Wuppertal und schreibe auch nicht darüber in einem angesehenen Magazin – ziemlich genau so:

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