Den Scheinwerfer umdrehen? Nach Europa hinausleuchten!

Thüringer Märbeln aus dem Wald waren überall in der Welt unterwegs. Wer erzählt die Geschichten, die sie dort erlebten?

Das Themenjahr „Industrialisierung und soziale Bewegungen“ neigt sich dem Ende zu, und ebenso dessen großer europäischer Bruder SHARING HERITAGE. In Thüringen ist dieses Jahr – neben vielen kleinen Ausstellungen – vor allem mit der Pößnecker Landesausstellung begangen worden. Rückblickend ist unser Eindruck: Es wäre mehr drin gewesen.

von Judith Rüber

Wer die Ausstellung in der Pößnecker Shedhalle gefunden hatte (was für nicht Ortskundige nicht ganz einfach war), traf auf eine Ausstellung, die in Schlaglichtern Besonderheiten der Thüringer Industrialisierung professionell präsentierte, und die in Ihren Texttafeln auch auf die einzelnen Unternehmen, deren geschäftliches Umfeld und die besondere Situation im ländlichen Raum Thüringens im 19. Jahrhundert einging.

Europa ist mehr als die Summe seiner Teile. Aus der Titelseite des Europäischen Kulturerbejahres: https://sharingheritage.de

Was man nicht antraf, war eine Ausstellung, die dem Europäischen Themenjahr SHARING HERITAGE Resonanz gegeben hätte. Denn der bahnbrechende Gedanke des Europäischen Themenjahrs lautete:
Wir waren schon immer alle Europäer!

Weit vor der Gründung der EU bzw der Montanunion 1951 war Europa bereits grenzüberschreitende Realität. Durch den Adel und seine Hochzeitspolitik sowieso, durch das über den internationalen Handel reich gewordene Bürgertum oder den europäischen Austausch der Gelehrten ebenfalls. Europa war Wirklichkeit, weit bevor es zu einem Europa der Nationen wurde!

Ab dem 19. Jahrhundert schließlich war die grenzüberschreitende Migration von Kapital, technischem Wissen und Arbeitskräften wesentliche Bedingung jeder regionalen Industrialisierung. Diese entwickelte sich auf Grund der jeweiligen lokalen Verhältnissen zwar unterschiedlich, konnte aber nur als Teil eines internationalen Marktes existieren.

Dieser Gedanke ist nicht nur wichtig als Antwort auf die zunehmend populärere und wahnwitzige Idee eines völkischen Nationalismus, welcher stets „zuerst“ zu kommen habe. Er hat sich interessanterweise bereits mehrfach als Erfolgsrezept auch für Ausstellungen erwiesen. Das Bedürfnis, den europäischen Aspekt unserer Identität zu kennen und zu verstehen, ist in Breite vorhanden.

Kultur bewegt, aber sie muss einen Nerv treffen. Schlangenstehen im Winterregen für die Matthäuspassion

Zwei Beispiele: Zu den erfolgreichsten historischen Ausstellungen der letzten Jahre gehören zum einen die Magdeburger Ausstellungen über Otto den Großen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (2001-2011, wir standen 2006 nachts Schlange, um noch reinzukommen und ein paar alte Bücher anzuschauen!), zum anderen die Ausstellung über den Naumburger Meister im dortigen Dom (2011).

Beide Ausstellungen hatten eine klare Botschaft, die die Menschen magisch anzog: Wir sind alle Europa! Schon im Mittelalter sind Deutsche auch Franzosen, und Italien ward lange von Deutschen geprägt. iIm Fall des Naumburger Meisters schadete dem Erfolg der Ausstellung auch nicht die klare Absage an die ursprünglich vermutete deutsche Provenienz des Meisters!).

Die Bothmann’sche Karusselfabrik in Gotha lieferte Fabrikate von Weltruf, liest man. Aber warum kauften die Belgier am meisten davon?

Der Rahmen des Europäischen Themenjahres bot die Gelegenheit, die europäische Rolle der Thüringer Industrialisierung aufzuzeigen, und die Geschichte – beispielsweise – einer Gothaer Karusselfabrik „von Weltruf“ (sic!) einzubetten in die Entstehung einer europäischen Vergnügungsindustrie, mit Fragen wie:

Was war eigentlich eine Kirmes oder ein Volksfest in Europa um 1880? In welchen Ländern fanden diese Geräte besonderen Absatz (Nordfrankreich, Belgien) und warum? Wer belieferte diese Fabrik? Welches Handwerk aus welchen Regionen kam zur Anwendung? Welchen Stahl brauchte man für ein Karussell, und wie kam der nach Gotha? Welche Geschichten können wir von diesen Karussells erzählen?

SHARING HERITAGE bot die Gelegenheit, sich auf die Suche nach der spezifischen Identität dieser Industriegeschichte zu machen, wie sie Kulturwissenschaftler Harald Kegler bereits 2017 in Arnstadt skizzierte: Thüringen als fokusiertes und erlebbares Abbild einer europäischen Geschichte des „Fortschritts“ und der Industrialisierung, inkl. ihrer „dunklen Seiten“: Von den Anfängen des Bergbaus im Thüringer Wald (Zwerge!) bis zur Wismut, von der Gründung der Sozialdemokratie bis zum Hightech-Standort Jena, vom Kindergarten Fröbels bis zu den Verbrennungsöfen von Topf & Söhne, von der Aufbruchstimmung der Moderne (Bauhaus) bis zu den Plattenbauten der DDR. Ein Ansatz, der es wert ist, verfolgt zu werden.

Nicht in gigantischen Hüttenwerken oder sonstigen Superlativen liegt der Schüssel zur Thüringer Industriekultur, auch nicht in einer wie auch immer ausgewählten und präsentierten Vielfalt bunter Manufakturen. Sondern in der spezifisch thüringischen Antwort auf die europäische Frage, was unsere gemeinsame Heimat ist. Wir müssen lernen, diese Geschichte(n) zu erzählen.

2 Gedanken zu „Den Scheinwerfer umdrehen? Nach Europa hinausleuchten!“

  1. In etwa so würde ich auch ein Fazit ziehen: Chance halb vertan! Der Artikel spricht meiner Ansicht nach vor allem von einem Problem der narrativen Ausrichtung der besagten Ausstellung in Pößneck – das Kleine mit dem Großen zu verbinden, sei misslungen. Stattdessen blickt man auf sich selbst und übersieht die Kontexte und Querverweise, die gerade spannende Geschichten ermöglichen und inspirierend wären und am Ende sogar umso werberischer für die Interessen der Kulturpolitik im heutigen Land Thüringen: “Seht her! Wir sind wer! Wir können mehr!“. Ich würde dem Ganzen noch einen Punkt hinzufügen wollen: Obwohl ich organisatorisch sowie budgetär Verständnis habe für einen konzeptionellen Ansatz zu einem Themenjahr Industriekultur, der sich auf eine sog. Anker-Ausstellung ausrichtet, so liegt in dieser Zentralisierung des Gesamtvorhabens vielleicht auch schon ein wesentliches Problem, eine nicht zu kompensierende Schwäche. Diverse Strukturen, beheimatet in diversen Landschaften verquickt mit so vielen Geschichten, lassen sich vielleicht nicht so einfach in einer zentralen Ausstellung bündeln, die dann auch noch offenbar schwer erreichbar irgendwo im Lande liegt – hätte sie tingeln sollen? Vielleicht. Hätte man weniger Allunionsausstellung sein, sondern eher kulturgeschichtlich/alltagsgeschichtlich arbeiten sollen? Vielleicht. Hätte man anders, besser kommunizieren (die „sozialen Bewegungen“ gingen fast unter) sollen? Sicher. Hätte man besser noch mehr (hat man ja auch!) kleinteilig, Vorhaben einer Vielzahl kleiner Akteure in ihren Regionen fördern sollen, anstatt vor allem auf wenige große und am Ende doch nicht wirklich medienwirksame und besucherattraktive Projekte zu setzen? Denke ich schon.

    2020 ist Sachsen dran, 2021 dann Brandenburg – mal sehen, was man dort aus der „Industriekultur“ macht!

    1. Welche spannenden Geschichten können wir erzählen, von Dingen und Zusammenhängen, von denen niemand etwas ahnte? Nur so können wir Geschichte lebendig halten.

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